Frieren fürs Foto

Das Wochenende war ziemlich kalt. Nichtsdestotrotz war ich am Sonntag Morgen im Park spazieren. Einem Park mit einem sehr großen See, über dessen Wasser ein recht kalter Wind pfiff.

Am Ufer stand ein Hochzeitspaar-in-Spe und ließ Bilder schießen. Den vietnamesischen Brauch, vor der Hochzeit ein dickes Album mit Fotos in Hochzeitskleidern anzulegen, hatte ich, glaube ich, schon ein paar Male erwähnt. Ich habe bislang kaum jemanden kennen gelernt, der nicht vorher diese Fotos hat machen lassen. Es ist schon nicht mehr richtig Brauch, sondern fast eher Pflicht. Bilder im Freien ergeben dabei meist am Ende deutlich interessantere Motive, als Foto-Sessions im Studio, sind allerdings auch teurer. Wie auch gestern wieder zu beobachten war, gibt der Fotograf dabei meist alles bis ins kleinste Detail vor (“Jetzt den Kopf noch etwas nach rechts… nein, etwas weiter nach links… ja, die Augen bitte etwas nach oben… noch etwas… und jetzt den Arm mal anheben! Und Lächeln!”). Die fotografierten Pärchen wirken dabei immer etwas wie Salzsäulen oder Roboter. Das Lächeln gefriert zwangsläufig nach wenigen Sekunden.

“Gefrieren” ist natürlich das passende Wort, denn gestern war es, ich erwähnte es: Kalt. Die Braut trug ein weißes Brautkleid, das komplett schulterfrei bis zur Hüfte war. Selbst aus einigen Schritten Entfernung konnte man die Gänsehaut erkennen. Nun stand sie da im kalten Wind im kalten Park nicht fünf Minuten, sondern sicherlich mehrere Stunden (zu einer zünftigen Session gehört dazu, habe ich mehrfach versichert bekommen, mindestens drei verschiedene Kleider anzuziehen).

Ich kann mir irgendwie nicht so richtig vorstellen, dass das sonderlich gesund ist.

Eine vietnamesische Bekannte erzählte mir übrigens, dass ihr Fotograf anschließend die Bilder noch einmal kräftig mit Photoshop aufgepeppt habe. Der Ehemann war offenbar recht dunkelhäutig (“unschön” in Vietnam) und hatte einige Narben im Gesicht. Auf dem offiziellen Hochzeitsfoto im Album und an der Wand ist er hingegen plötzlich fast weiß und hat eine glatte Haut.

Sein Sohn soll beim Anblick des Bildes gefragt haben, wer denn der Mann da neben Mama sei.

Schwachstrom

Der Winter hat uns wieder. Die Kälte scheint dieses Jahr in Europa und Vietnam zyklisch abzulaufen: Wenn es in Deutschland wärmer wird, wird es in Vietnam wieder kälter. Aktuell ist es sehr ungemütlich. Allerdings hat unser Haus zumindest den Vorteil, dass es sich über die vergangenen Tage und Wochen aufgeheizt hat. Den halbwegs gut isolierten Fenstern sei dank.

Das ist nicht in allen Häusern so. Viele Freunde und Bekannte packen zum Abendessen schon wieder die Wintermäntel aus. Noch schlimmer ist es allerdings auf dem Land. Während sich die Städter notfalls auch einen Elektro-Strahler in den Raum stellen können (wenn sie ihn noch bekommen, die sind zu diesen Zeiten nämlich meistens ausverkauft), können das die Leute auf dem Land nicht. Das heißt, sie könnten. Aber dann säuft ihre Leitung ab.

Zwar hat fast ganz Vietnam mittlerweile Strom, aber auf die Dörfer und in die ländlichen Gebiete wird deutlich weniger Strom geleitet, als in die Städte. Es gibt auch immer wieder Firmen und Fabriken, die sich darüber beschweren. Allerdings sind das wenige, die meisten siedeln sich in fest ausgeschriebenen Industriezonen an, die dann auch wieder Strom bekommen. (Und wo wir schon davon sprechen: Auch bei uns im Stadtviertel ist der nächste Stromausfall bereits wieder von der Stadtverwaltung angekündigt. Am Dienstag wird dem Viertel für einen Tag der Strom abgestellt.)

Der vietnamesische Strompreis ist übrigens gestaffelt: Bis zu einem bestimmten Verbrauch ist er sehr günstig, je mehr man verbraucht, desto teurer wird die folgende Stufe. Das klingt auf den ersten Blick sehr sozial, weil arme Haushalte logischerweise weniger Strom verbrauchen (sie haben ja auch weniger Geld, um sich haufenweise Elektrogeräte und Klimaanlagen anzuschaffen). Wenn man sich dann allerdings vor Augen führt, dass viele ländliche Haushalte gar nicht viel mehr Strom verbrauchen können, weil die Leitung nicht steht, bekommt es einen leicht zynischen Seitenhieb. Und da am Ende auch die Städter und die Wohlhabenden von den günstigen Stromgrundpreisen profitieren, subventioniert der Staat am Ende eigentlich nicht die Armen, sondern die, die es sich leisten könnten, gleich noch mit.

Der staatliche Stromkonzern EVN hat, nebenbei, seine Zahlen für 2011 veröffentlicht, und dabei etwa 130 Millionen Euro Verlust einräumen müssen. (2010 waren die Verluste sogar dreimal so hoch gewesen.) Daraufhin musste jetzt der Vorsitzende Dao Van Hung seinen Hut nehmen. Unter anderem, weil sich herausstellte, dass EVN etwa 100 Millionen Euro in Immobilien, Versicherungsgeschäfte, Aktienhandel und Bankdienstleistungen investiert hat; den Großteil davon erfolglos. Bei Staatsunternehmen keine seltene Sache. Viele haben in den vergangenen Jahren entdeckt, dass man mit diversen Nebengeschäften außerhalb des eigentlichen Hauptbereichs viel mehr und viel schneller Profit machen kann. Bekannteste Tochterfirma von EVN war zum Beispiel der Telefon- und Internetanbieter “EVN Telecom”. Genau den musste EVN jetzt allerdings auch wegen zu hoher Verluste abstoßen.

Als der staatliche Schiffbaukonzern Vinashin vor zwei Jahren ein Minus von 4 Milliarden Euro hatte einräumen müssen, hatte das in Vietnam zu einer kleinen Staatskrise und einer öffentlichen Diskussion über das Management und die Kontrolle der Staatsunternehmen geführt. Seitdem sind vietnamesische Politiker etwas nervöser, wenn es um allzu deutliche Verluste bei Staatsunternehmen geht.

Im Vergleich zu Vinashin nehmen sich die rund 100 Millionen Euro Verlust von Stromkonzern EVN freilich noch halbwegs bescheiden aus. Die 4 Milliarden Euro von Vinashin entsprachen sage und schreibe fünf Prozent des kompletten Bruttoinlandsprodukts.

Die Crux der Klassik in Vietnam

Vietnam hat ein Problem mit Blechbläsern. Zu wenig gute Bläser hat das Land. “Es gibt keine Tradition in Vietnam, Trompete zu spielen, mit Ausnahme von Armee-Musikern. Aber Militärmusik ist etwas völlig anderes, als Orchestermusik.” Sagt Graham Sutcliffe.

Sutcliffe ist ein Brite, der mittlerweile seit fast 20 Jahren in Vietnam lebt. Er hat eine Zeit lang das nationale Sinfonie-Orchester dirigiert, und leitet aktuell das Opern-Ensemble von Hanoi. Allein das ist eigentlich schon eine Nachricht. Wenn ein Ausländer sich in der vietnamesischen Klassik-Szene auskennt, dann wohl er. Im Dezember hat die englischsprachige Wochenzeitung Thanh Nien Weekly ein Interview mit Sutcliffe geführt. Darin kamen unter anderem so interessante Sätze wie der eingangs zitierte heraus.

Der erfahrene Dirigent äußert sich unter anderem unzufrieden über den Stand der klassischen Musik im Land. Seiner Beobachtung nach seien viele Vietnamesen nämlich durchaus an Klassik interessiert – aber es werde kaum Werbung für besondere Sinfoniekonzerte oder Opern gemacht. Und oft werden die Karten dann verschenkt (an Sponsoren, Politiker, Schulklassen), und nicht verkauft. Das Resultat kann jeder selbst sehen, der schon einmal in der Hanoier Oper war: Während sich viele Ausländer zwar im Vorfeld um die Karten reißen, bleiben immer wieder trotzdem Sitze leer, viele Gäste kommen zu spät oder gehen nach der ersten Hälfte. Nicht, weil es ihnen nicht gefällt, sondern weil sie nicht damit gerechnet haben, dass es so lange dauert. Und man will nicht so spät zu Hause bei der Familie sein. (Das zumindest habe ich oft als Erklärung von vietnamesischen Bekannten gehört.)

Da wiederum vietnamesische Orchester-Musiker nicht besonders viel verdienen, ist bei einigen auch die Arbeitsmotivation deutlich geringer. Man müsse dreimal so häufig proben wie mit einem vergleichbaren britischen Orchester, weil immer wieder jemand die Probe schwänze, erzählt Sutcliffe im Interview. Gerade einmal 2000 Studenten studieren am Hanoier Nationalkonservatorium. In England seien es 100.000 Studenten, die sich mit Kunst- und Musikstudium beschäftigen.

Sutcliffe ist nicht naiv. Er weist darauf hin, dass es Stücke gebe, die auch für Klassik-Anfänger unter den Zuhörern leichter zu verdauen seien, und wundert sich, warum die vietnamesischen Organisatoren nicht öfter solche Konzerte ins Programm aufnehmen. Dass sich “Asiaten” im Allgemeinen nicht für Klassik interessierten, lässt er sowieso nicht gelten. Man schaue nach Singapur oder Japan, wo die Konzerthäuser voll sind.

“Musik ist nicht schwierig”, lautet einer seiner Sätze. “Man muss nicht verstehen, wie viele Melodien in einem Stück verwoben sind. Man muss nur hinhören. Gefällt es einem? Ja oder Nein. Das ist alles.”

Die sture Krabbe

“Stur wie eine Krabbe” sagen die Vietnamesen: “Ngang nhu cua”. Die Krabbe, das weiß schließlich jeder, läuft die ganze Zeit in eine Richtung, ohne sich um das Drumherum zu scheren. “Ngang” ist übrigens nicht nur das Wort für stur oder störrisch, sondern auch für waagerecht oder horizontal. Interessant, wie hier also auch sprachlich “stur” und “gradlinig” eng beieinander liegen.

Der im Deutschen störrische Esel hingegeben bekommt bei den Vietnamesen das Attribut “schläfrig” verpasst. “Schlafen wie ein Esel”, heißt es da. An dieser Stelle müssen wir die lustige Reihung leider abbrechen, weil es meines Wissens in Vietnam keine Murmeltiere gibt, und ihnen dementsprechend vermutlich auch keine besonderen Eigenschaften zugedacht werden.

Vooorne und… vorne

Man stelle sich jetzt bitte eine Kindersendung vor, wie zum Beispiel “Sesamstraße”, bei der eine Puppe den Kindern den Unterschied zwischen “vorne” und “hinten” erklärt. Vorne, das ist vorne, und hinten, das ist hinten. Logisch, nicht? (An dieser Stelle rennt die Puppe jetzt wild über den Bildschirm, um den Unterschied zu demonstrieren).

Leider ist Vietnamesisch manchmal gerne besonders verwirrend. In Vietnamesisch ist vorne nämlich nicht immer vorne. Zumindest nicht zeitlich und räumlich.

“Sau” ist im Vietnamesischen “hinten”. “Truoc” (gesprochen: Tschuok; ich ignoriere außerdem, wie schon bei vergangenen Artikeln, wegen der fehlenden Darstellungsmöglichkeit meiner Blog-Software, die Betonungszeichen) ist vorne. Das ganze gilt prinzipiell sowohl zeitlich, als auch örtlich. “Sau 1 tuan” ist “nach einer Woche”. So weit, so einfach.

Wenn wir die Sache aber umdrehen, macht es plötzlich Kopfschmerzen: “Tuan sau” ist nämlich die folgende Woche, die zukünftige Woche, also die Woche, die noch vor uns liegt. “Tuan truoc” ist die bereits vergangene Woche, die Woche die schon hinter uns liegt. Plötzlich ist hinten also vorne.

Im Deutschen haben wir übrigens etwas ähnliches. Wir sagen “Die Woche davor” oder auch “die vorige Woche”. Dabei ist diese Woche, von der wir reden, gar nicht vorne, sondern hinten. Und wenn wir angesichts einer wartenden Schlange von Menschen kommentieren: “Nein, der da ist nicht Klaus. Der nächste ist es”, dann meinen wir normalerweise den Menschen dahinter. “Nächste Woche” allerdings ist immer die Woche, die noch vor uns liegt. Nicht die Woche hinter uns.

Das macht die Sache allerdings für Vietnamesischlerner nicht einfacher. Obwohl ich die Begriffe “sau” und “truoc” schon seit Jahren kenne, muss ich trotzdem jedes Mal einen Sekundenbruchteil nachdenken, ob jetzt etwas vor dem Auto steht (truoc), hinter dem Auto steht (sau), ob wir vom kommenden Monat sprechen (sau), oder vom Monat, der bereits hinter uns liegt (truoc). Bekannt auch als “letzter Monat”.

Wie trügerisch Sprache sein kann, merken wir allerdings auch an diesem Beispiel, denn jeder Journalist lernt normalerweise in seiner Ausbildung, dass der “letzte Monat” zwar sprachlich weit verbreitet ist, es ihn aber streng genommen nicht geben kann.

Es sei denn möglicherweise 2012. Nach dem Weltuntergang.

Kein Wasser

Das My-Dinh-Viertel von Hanoi hat seit drei Tagen kein Wasser. My Dinh ist nicht nur einfach irgendwie ein Wohngebiet. My Dinh ist einerseits das zukünftige West-Hanoi, wo zahlreiche Prestigebauten entstehen, und moderne Bürohochhäuser hochgezogen werden. Außerdem stehen in der Gegend bereits jetzt einige sehr teure Appartment-Häuser, in denen zahlreiche wohlhabende Ausländer und Teile der Hanoier Mittelschicht wohnen.

Alle diese Menschen haben teilweise seit drei Tagen kein Wasser. Teilweise haben die lokalen Wassertanks der Häuser auch etwas länger gehalten. Grund für den Totalausfall ist eine gebrochene Wasserleitung, die offenbar so sehr gebrochen ist, dass sie in den vergangenen Tagen nicht repariert werden konnte.

Kein Wasser, das bedeutet: Kein Wasser zum Kochen. Keine Dusche. Kein Waschbecken. Keine Toilettenspülung.

Ein Ausnahmezustand, wie man ihn in einem modernen Haushalt möglicherweise einen Tag lang erdulden (und anschließend darüber lachen könnte). Drei Tage ohne Toilettenspülung, Waschbecken und Dusche mag ich mir überhaupt nicht vorstellen. Fast noch mehr überrascht mich die Tatsache, dass die Hanoier Zeitungen die Sache bislang, wenn überhaupt, eher auf den hinteren Seiten aufgegriffen haben. Die Titelseiten sind alle mehr oder weniger voll mit den zahlreichen Frühlingsfesten, die traditionell rund um Neujahr stattfinden.

Spannende, kulturreiche Feste, gewiss. Allerdings auch jedes Jahr dasselbe. Ein Wasserausfall für mehrere Tage ist selbst im “Schwellenland” Vietnam nicht an der Tagesordnung. Stromausfälle, ja. (Wenn auch eigentlich nicht für mehrere Tage).

Der Rest von Hanoi ist von dem Malheur übrigens nicht betroffen. Zentral-Hanoi und West-Hanoi werden unterschiedlich mit Wasser und Trinkwasseranlagen versorgt. In Zentral-Hanoi ist ein System in Kraft, das vor einigen Jahren mit Hilfe finnischer Entwicklungsgelder installiert wurde. Deswegen heißt das Leitungswasser in Hanoi auf Vietnamesisch auch “Finnisch Wasser” (nicht mit Kölnisch Wasser zu verwechseln). Die neuen Gebiete im Westen werden über andere Leitungen versorgt, die schon in der Vergangenheit nicht immer stabil waren. Geplant ist, dass die Gegend irgendwann durch einen der großen nordvietnamesischen Flüsse ihr Leitungswasser erhält.

Bis dieses Leitungssystem dann aber in Kraft ist, kann man offenbar erst einmal davon abraten, in die Gegend zu ziehen. Es sei denn, man möchte mal erleben, wie es sich mehrere Tage ohne Wasser lebt.

Himmlischer Beistand

“Wenn du nur einen Tag im Jahr beten willst… – dann mach es heute.” Sagen die Vietnamesen. Heute ist der 15. Tag des neuen Jahres nach dem vietnamesischen (lunisolaren) Kalender. Wer heute nicht um Glück betet, der braucht sich angeblich das ganze restliche Jahr nicht bemühen.

Deswegen waren die Straßen von Hanoi heute seltsam leer. Alle waren in Tempeln, Pagoden, auf dem Land, irgendwo, aber nicht bei der Arbeit. Nachdem das Leben in den vergangenen Wochen so langsam wieder in Gang gekommen war, war heute noch einmal der krönende Neujahrs-Schlusspunkt. Viele Läden, Geschäfte, Firmen hatten zu.

Ab morgen sind dann die Neujahrsfeiern endgültig vorbei. Der eine oder andere mag zwar noch immer auf dem Land sein, sich in diversen Tempeln aufhalten, oder Neujahrsurlaub machen, aber die meisten Betriebe nehmen darauf keine Rücksicht mehr. Es wird wieder gearbeitet.

Ob es an so viel guten Wünschen lag, oder ob die himmlischen Mächte die Gebete um Glück und ein gutes Jahr erhört haben… es war jedenfalls heute der sonnigste Tag des jungen Jahres. Geradezu sommerliche Temperaturen. Blauer Himmel.

Morgen soll es wieder regnen.

Babyboom mit Ansage

Im Tu-Du-Krankenhaus in Saigon sind am 22. Januar 434 Babys auf die Welt gekommen. Man darf davon ausgehen, dass darüber ungefähr 434 Elternpaare enttäuscht waren. Natürlich nicht über die Geburt. Sondern über den Tag.

Einen Tag später wären die Kinder nämlich im neuen Jahr geboren worden (nach vietnamesischer, bzw. chinesischer Zeitrechnung), also im Jahr des Drachen. Der Drache ist das Symbol des Kaisers, des Herrschers, er steht für Erfolg, Macht, und alle möglichen anderen guten Dinge, die Eltern ihren Kindern wünschen. Deswegen erwarten die Kinderkrankenhäuser für die kommenden 13 Monate einen regelrechten Ansturm.

Die Online-Ausgabe der Tageszeitung Thanh Nien berichtet, allein in der ersten Woche des neuen Jahres sei die Zahl der Neugeburten bereits um mehr als 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahrszeitraum in die Höhe gegangen. Die Krankehäuser gehen davon aus, dass das weiterhin so bleibt. Sie rechnen mit rund einem Drittel mehr Kinder in diesem Jahr. Für die Belegschaft des Tu-Du-Krankenhauses hatte das bereits zu Jahresbeginn ganz konkrete Auswirkungen: Tet fiel aus. Urlaube wurden nicht genehmigt. Jede Hand wurde gebraucht. Im kommenden Jahr erwartet alleine dieses Krankenhaus nach Angaben von Thanh Nien etwa 60.000 bis 70.000 Kinder – das wären etwa 200 Kinder am Tag. (Die Berliner Charité hat nach eigenen Angeben nur (“nur?”) 5000 Geburten pro Jahr).

Die Situation erinnert ein klein wenig an den Ansturm auf deutsche Krankenhäuser, als die Kindergeldregelung geändert wurde. Allerdings betraf das ja bekanntlich nur einen recht kurzen Zeitraum. In Vietnam wird der Baby-Wahnsinn ein ganzes Jahr anhalten (genauer, wie bereits oben erwähnt: 13 Monate; das kommende Mondjahr legt nämlich einen zusätzlichen Schaltmonat ein, damit der Neujahrstag sich nicht zu weit von seiner angestammten Position Januar/Februar entfernt).

Für die Kinder soll das Glück bringen, in der Realität wird es wohl erst einmal ziemlich viele Schwierigkeiten bescheren: Weder haben die Ärzte und Hebammen sonderlich viel Zeit bei der Geburt, noch kann der Drachen-Jahrgang auf kleine Kindergartengruppen, kleine Schulklassen oder übersichtliche Mitstudentenjahrgänge hoffen. Anders gesagt: Der angekündigte Kinderansturm wird dem entsprechenden Babyboom-Jahrgang einige recht handfeste Nachteile bescheren.

Freuen darf sich zumindest die Industrie. Wirtschaftsanalysten glauben, dass die Firmen für Windeln, Babynahrung und Babykleidung in Asien mit kräftigen Umsatzsteigerungen rechnen können. Von um die 20 Prozent ist beispielsweise in China die Rede.

Schöne Scheine

Zur Zeit haben die Geldautomaten (fast) alle druckfrische Geldscheine im Angebot. Das ist kein Zufall. Das neue Jahr ist, wie hier schon mehrfach angedeutet, mit der Symbolik des Neustarts überladen. Alles muss neu sein, das Haus, die Kleidung, die Frisur. Natürlich auch das Geld.

Aus einem zweiten Grund kommen die Geldscheine den Vietnamesen sehr gelegen: Dem Glücksgeld. Zum Neujahr ist es üblich, dass höherstehende Personen anderen Menschen rote, kleine Umschlage mit Geld zustecken. Das soll Glück bringen (und bringt es auch sofort: Schließlich ist Geld drin.) Das kann reichen von 10.000 Dong für die komplette Belegschaft einer entfernten Abteilung oder für diverse Parkwächter, über (aktuell) etwa 200.000 Dong für enge Kollegen oder Freunde, bis hin zu prinzipiell nach oben offenen Summen für Familienangehörige. Vor allem Kinder werden mit Geld überhäuft.

Am meisten Glück bringt das Geld aber nur, wenn es auch tatsächlich neu ist. Zerknautschte Scheine in den Umschlag stecken, ist zwar prinzipiell möglich, aber nicht sonderlich fein.

Als ich vor vier Tagen irgendwo mit einem druckfrischen 200.000 Dong-Schein bezahlt habe, erklärte daraufhin die Verkäuferin, die offenbar überrascht war, dass ich den Schein nicht lieber für Rote Umschläge verwende, ihrem Kollegen: “Ah, der ist Ausländer, der weiß es nicht besser.”

Die Stadt und der Kaugummi

Auf Spiegel Online gibt es eine kleine, bunte Interview-Sammlung über in Singapur lebende Expats. Das wäre prinzipiell keiner Erwähnung wert, aber ich bin über die Aufmachung des Beitrags gestolpert.

“Streng”, steht da gleich im Vorspann, sei der Stadtstaat, und im gleichen Atemzug werden die horrenden Strafen fürs Kaugummi-Ausspucken erwähnt. Das ist offenbar das Lieblingsbild über Singapur: Die Stadt, in der man mehrere hundert Dollar Strafe zahlen muss, wenn man Dinge wegwirft. Der Artikel erwähnt dann unter anderem, dass der Zoll Kaugummis beschlagnahmt, damit man sie nicht ausspuckt, und vor dem geistigen Auge steigt unwillkürlich eine Szenerie mit einem Dutzend schwerbewaffneten Zollbeamten auf, die den ankommenden Touristen noch den letzten Kaugummi aus den Taschen fischen.

Das ist zwar amüsant, aber mit der Realität hat das irgendwie nichts zu tun. Ich bin in Singapur bei keiner meiner Einreisen kontrolliert worden. Meine Mitreisenden auch nicht (ganz im Gegensatz zu Frankfurt, wo asiatisch aussehende Menschen meiner Erfahrung nach standardmäßig als Schmuggler gefilzt, und ihnen sämtliche Lebensmittel aus der Tasche gezogen werden). In der Innenstadt patrouillieren keine Polizisten (jedenfalls nicht mehr, als anderswo; und deutlich weniger als, sagen wir, in der Innenstadt von Peking oder in den vereinsamten Gassen von Monaco). Ja, es hängen in der U-Bahn überall Schilder herum, die darauf hinweisen, dass bestimmte Dinge unter Strafe gestellt sind: Rauchen, mit Feuer hantieren, Durian essen.

Seien wir ehrlich: Wenn etwas irgendwo verboten ist, dann machen es die meisten Menschen auch einfach nicht. Ob die Strafe jetzt 10 Euro oder 500 Euro beträgt, ist im Normalfall völlig irrelevant. (Mal ganz davon abgesehen, dass die Strafe sowieso nur verhängt wird, wenn eben ein Polizist in der Nähe ist.) In meiner Anwesenheit wurde kein einziges Mal ein wild Kaugummi um sich spuckender Tourist festgenommen. (Genauso wenig, wie ich in Deutschland jemals jemanden gesehen hätte, der auf die Sitze gespuckt hat; es gibt Dinge, die machen die meisten eben nicht. Fertig. Klar gibt es solche Fälle, aber sie betreffen nicht den alltäglichen Alltag).

Im Übrigen stimmt auch die Legende vom blitzblank sauberen Singapur nicht so ganz. Ja, Singapur ist überwiegend sauber. Man betrete aber mal nur eine Gasse im “Little India” Stadtteil, direkt in der Innenstadt, um sich davon zu überzeugen, dass auch Singapur freilich völlig chaotisch, laut und “typisch asiatisch” sein kann. Dasselbe gilt für die unzähligen Straßenküchen in den Geschäfts- oder Wohnvierteln. Singapur ist nicht steril.

Die Stadt hat ihre Schwächen. Sie ist arbeitswütig, teilweise bis zur Verbissenheit. Manche werfen ihr vor, dass sie durch ihre junge Geschichte etwas künstlich sei. Das politische System ist zwar freier, als viele allgemein denken, aber trotzdem am Ende zentral gesteuert. Wer sich mit Singapuris unterhält, der könnte sich einen ganzen Abend lang diverse Schwächen und Versäumnisse anhören. Man ist eben immer besonders kritisch, wenn es um den Ort vor der eigenen Haustür geht.

Aus asiatischer Sicht (wir sind schließlich ein Vietnam-Blog hier) ist die Stadt aber vor allem eines: Ein Erfolgsmodell. Kein anderer asiatischer Staat ist so modern, so frei von Korruption, so effizient, so sauber und so umweltfreundlich. Das kommt im Übrigen auch aus allen drei Interviews des SPON-Beitrags heraus; keiner der Expats beschwert sich über irgendwelche Restriktionen oder drakonische Strafen.

Trotzdem klebt anscheinend für die meisten deutschen Leser das Bild mit der Kaugummi-Strafe an Singapur wie… wie ein Kaugummi am Schuh eben. Manche Klischeebilder sind offenbar zu schön (oder schaurig), um sie loswerden zu wollen.