Und es war (mal wieder) Sommer

Wir halten fest: Am 30. März begann in Hanoi der Sommer, nachdem zuvor wochenlang Winter geherrscht hatte. Die vergangenen Wochen fühlten sich zum Davonlaufen an. Nieselregen, graugelber Nebel, Feuchtigkeit, Feuchtigkeit, Feuchtigkeit. Schimmel an der Kleidung und Wasserbeschlag auf dem Boden. Kühle Winde und dicke Bettdecken.

Der blaue Himmel gestern wurde mit angemessenem Staunen registriert. Heute Abend konnte man im kurzen Hemd um 22 Uhr auf dem Motorroller nach Hause brausen.

Ist das der Sommer? Wollen wir es hoffen…

Ersatzbespaßung

Ich hatte lange Zeit keinen Stromausfall mehr. Damit gehöre ich zu einer glücklichen Minderheit von Bewohnern in Vietnam, die in einem Stadtviertel leben, das aus irgendwelchen Gründen relativ regelmäßig Strom bekommt.

Heute morgen war es dann wieder so weit. Der Strom in unserem Gebäude, so klärt ein Aushang auf, wird von 8 Uhr morgens bis 17 Uhr abends abgeschaltet sein. Kein Internet, kein Licht, keine elektrischen Geräte. Es sagt sicherlich etwas darüber aus, wie lange ich mittlerweile schon in Vietnam lebe, dass ich das alles völlig gelassen hingenommen habe. Dann wird das Wasser für den Tee eben auf dem Herd gekocht (und der Herd ist in Vietnam selbstverständlich ein Gasherd, deswegen funktioniert er auch ohne Strom). Ich wollte zwar eigentlich zu Hause arbeiten, aber dann fahre ich halt heute ins Büro. Oder gehe in eines der Cafés in der Innenstadt und arbeite von dort aus.

Alles halb so wild.

Wenn da nicht die Lokalverwaltung gewesen wäre, die offenbar der Meinung war, wenn die armen Bewohner schon kein Fernsehen und kein Radio haben, dann ist das ja genau die richtige Gelegenheit, um sie mit revolutionärer Marschmusik, schmalzigen Heimathymnen und Lobliedern auf die Partei zu beschallen, und nebenbei noch ein paar Passagen über die korrekte Vermeidung Sozialer Übel vorzulesen – nur für den Fall dass die Bevölkerung die vergangenen Dutzende von Lese-Terminen frühmorgens um halb Sieben verpasst hat. Man weiß ja nie. Werfen Sie also bitte keinen Abfall auf die Straße, liebe Anwohner. Und jetzt Musik.

Ich bin so unglaublich gelassen, weil ich schon so lange in Vietnam lebe?

Von wegen.

Öl

Vietnam und China streiten sich bekanntlich um Einflusszonen und Inseln im Südchinesischen Meer (das in Vietnam einfach „Ostmeer“ heißt). In einem Artikel im „Journal of Current Southeast Asian Affairs“ von 2012 habe ich jetzt erstmals konkrete Zahlen gefunden, von welchen wirtschaftlichen Dimensionen wir da sprechen.

Schon vor einem Jahrzehnt fuhren durch das Südchinesische Meer mehr als 40.000 Schiffe (das entspricht der doppelten Zahl von Schiffen, die durch den Suezkanal fahren). Mittlerweile können wir da noch ein paar zehntausend draufschlagen, und im Jahr 2012 schipperte laut Artikel die Hälfte der internationalen geschäftlichen Handels-Tonnage im Laufe ihrer Reise durch unsere Region. Ein sehr großer Teil dieser Schiffe ist mit Öl beladen, wir reden hier von der Route, die sowohl China, Japan als auch Südkorea mit Öl aus dem Nahen Osten versorgt. Genauer gesagt sprechen wir von 80 Prozent der Ölimporte Chinas und jeweils 90 Prozent der Ölimporte Japans und Südkoreas. (Autor Jason Blazevic wird als Experte für Schifffahrtswege und Energie vorgestellt, also nehme ich an, er weiß von was er schreibt.)

Ich muss offen gesehen, mir war bewusst, dass das Südchinesische Meer eine wichtige Durchfahrtsstraße ist, aber diese Dimensionen überraschen mich dann doch etwas. Man beginnt jedenfalls zu erahnen, dass es für China hier tatsächlich um zumindest gefühlte „Sicherheitsinteressen“ geht.

Auch zu den Ölvorräten, die in der Region vermutet werden, äußert sich Blazevic. Mindestens sieben Milliarden Barrel Öl scheinen die konservative Schätzung. Amerikanische Studien glauben, dass es noch 28 Milliarden Barrel mehr sein könnten, chinesische Studien kamen vor zwei Jahren zu dem Schluss, man rede hier sogar von mehr als 100 Milliarden Barrel Ölreserven allein unter den Spratlys und mehr als 200 Milliarden im gesamten Meer. Das entspräche dann mehr als den noch nicht geförderten Ölreserven ganz Europas (auch wenn wir zweifellos von dem Dimensionen des Nahen Ostens noch etwas entfernt sind).

Was nun genau von Schätzungen zu halten ist, die so weit auseinander liegen, darf jeder für sich selbst beantworten. Andere Zahlen hingegen sind etwas leichter zu belegen: Derzeit verbraucht China 10 Millionen Barrel Öl pro Tag, produziert selbst aber nur 5 Millionen. Die in die Zukunft projizierte Verbrauchskurve zeigt steil nach oben. China ist also von Ölexporten abhängig und wird es künftig umso mehr sein. Zum Vergleich: Vietnam verbraucht derzeit 0,3 Millionen Barrel Öl pro Tag, und produziert auch etwa genauso viel. Der Energiehunger des Giganten China ist also, wie unschwer zu erwarten, deutlich größer. Was nicht heißt dass Milliarden an Ölreserven für Vietnam nicht genauso strategisch von Bedeutung sein könnten, nicht zuletzt weil das Land aktuell nur relativ wenige besitzt (nämlich etwa 4 Milliarden Barrel).

Damit sind wir auch schon in dem Bereich, wo es am Ende gar nicht mehr wichtig ist, wie viel Öl denn nun tatsächlich auf dem Meeresboden im Südchinesischen Meer liegt.

Entscheidend ist, dass beide Länder das Gefühl haben, die Region ist nicht einfach nur von wirtschaftspolitischem Interesse, sondern aufgrund diverser wirtschaftlicher Abhängigkeiten von immensem sicherheitspolitischen Interesse. Sowohl in China als auch in Vietnam geht die Angst um, dass man sich in verschiedener Hinsicht angreifbar und höchst verletzlich machen würde, wenn man das Einflussgebiet rund um die Inseln im Südchinesischen Meer aufgibt.

Blasevic, Politikwissenschaftler der er ist, bringt hier die verschiedenen Theorien der Internationalen Politik ins Spiel, die für Laien eventuell schnell verwirrend werden können, insofern greife ich nur den aus meiner Sicht entscheidendsten Punkt heraus: Es macht für gegenseitige Verhandlungen und eventuelle Konfliktlösung einen wichtigen Unterschied, ob Staaten agieren, weil sie sich bedroht fühlen und sich aus Selbsterhaltungstrieb auf Konflikte vorbereiten („defensiver Realismus“) – oder ob sie ihre Macht vergrößern wollen auf Kosten anderer, aus dem simplen Grund um ihre absolute Macht zu stärken („offensiver Realismus“).

Und ganz gefährlich wird es dann, wenn zwei Staaten aus gefühlter Selbsterhaltung agieren, mit der dazu passenden Entschlossenheit, alles für diese Selbsterhaltung zu tun, dem jeweils anderen Staat aber unterstellen, ein reines, aggressives Machtspiel zu betreiben. Das macht Verhandlungen und Lösungen fast völlig sinnlos, weil beide Akteure sich zu allem Überfluss auch noch missverstehen.

Damit wäre die aktuelle Situation um China und Vietnam gar nicht schlecht umschrieben.

Morgenruhe

Die Verwaltungsrichtlinien zur Bekämpfung von sozialen Übeln wurden seit den vergangenen drei Wochen nochmal jeden Morgen vorgelesen. Allerdings nicht mehr, wie zu Anfang, in voller Länge drei Stunden lang. Stattdessen offenbar auszugsweise immer irgendwelche Teilregeln. Dafür immer pünktlich morgens um 6:30 Uhr etwa eine halbe Stunde lang.

Ich bin davon fast jedes Mal aufgewacht. Ich pflege sonst nicht unbedingt um 6:30 Uhr aufzustehen. Sieben oder halb acht ist eher so meine Kragenweite. Was sich natürlich als schwierig gestaltet, wenn man um halb sieben durch laute Lautsprecherdurchsagen geweckt wird.

Es gab wirklich Momente, da habe ich mich gefragt, in welchem Land ich hier eigentlich lebe.

Interessanterweise gab es die Durchsagen nicht in den Touristenvierteln rund um den Hoan-Kiem-See. Ich hatte vergangene Woche ein paar Stadtführungen, und die deutschen Touristen waren jedes Mal verwundert, was ich da so von Lautsprecherdurchsagen erzähle. Ich kann nur vermuten, dass die städtischen Behörden dann doch davor zurückschrecken, ausländische Gäste mit ihren Verwaltungsrichtlinienkunstwerken zu belästigen. Oder vielleicht sind in diesen Vierteln auch einfach alle Kabel kaputt.

Am Wochenende war zum ersten Mal Ruhe. Allerdings nur kurz. Dann begannen Musik und Salut-Rufe der benachbarten Begräbnisfeierstätte. Dort wurden offenbar mehrere Soldaten zu Grabe getragen, oder für einen ganz besonders wichtigen Offizier wurde eine zweitägige Begräbnisfeier veranstaltet. Wie dem auch sei, aus Rücksicht auf das Militär schwiegen anscheinend die Lautsprecher. Das war sehr zuvorkommend (auch wenn es am Geräuschpegel nur minimal etwas änderte; aber die Begräbnismusik war zumindest etwas erträglicher, als die laute Frauenstimme – der Nachteil war, dass die Musik in einer Endlosschleife lief; aber gut, man kann nicht alles haben).

Dann ging es am Montag wieder wie gewohnt mit morgendlichen Durchsagen weiter. Bis heute. Heute morgen war still. Also wirklich still. (Okay, vom Gehupe und dem Hahn mal abgesehen). Es war wie Urlaub. Und es liegt nicht an kaputten Kabeln, denn die Nachmittagsnachrichten kommen wie gewohnt.

Ich darf vorsichtig darauf hoffen, dass es das jetzt war mit den morgendlichen Verwaltungsrichtliniendurchsagen?

Junge Käufer

In Deutschland beträgt das Durchschnittsalter von Käufern eines Mercedes etwa 56 Jahre.

In Vietnam ist dieses Durchschnittsalter etwa 20 Jahre jünger und liegt bei Anfang bis Mitte 30. Die genaue Zahl wurde nicht genannt, dafür aber die Information, dass damit die vietnamesischen Mercedes-Käufer weltweit die jüngsten seien. Im Schnitt sogar nochmal drei bis vier Jahre jünger als die Mercedes-Käufer in China. Quelle: Der Chef von Mercedes Benz in Vietnam. Der sollte es ja schließlich wissen.

Frauen die auf Bildschirme starren

Mein bevorzugter Milchladen ist fünf bis zehn Gehminuten die Straße hinunter. Der Laden hat schränkeweise Joghurt und Babymilchpulver, aber mich interessiert eigentlich nur die Flaschenmilch aus Moc Chau, meiner Geschmacksnerven nach die beste Flaschenmilch in Hanoi.

Etwa alle zwei bis drei Tage bin ich dort. Die Belegschaft kennt mich. Umgekehrt weiß ich auch, wann ich möglichst nicht hingehen sollte: Mittags gegen 14 Uhr. Wenn man um die Uhrzeit einkauft, dann muss man damit rechnen, dass alle Frauen an der kleinen Kasse die Arbeit mehr oder weniger blind erledigen. (Was zugegeben auch eine beeindruckende Fähigkeit ist). Ihre Augen sind nämlich fixiert auf den Fernseher oben rechts. Der Fernseher läuft eigentlich den ganzen Tag über, aber um 14 Uhr kommt irgend eine besonders beliebte Serie, in der sich junge Ehepaare streiten, Männer andere Männer bedrohen oder ähnliche aufregende Szenen.

Ich weiß nicht genau, welche Serie es ist, aber sie muss so spannend sein, dass normales Arbeiten in dieser Zeit nicht möglich ist.

Vietnam vor 100 Jahren…

Auf der Webseite reds.vn gibt es ein Dutzend Fotos, die Vietnam in den 1890er Jahren zeigen. Der Hoan-Kiem-See hatte noch keine Betonböschung, der Westsee sah deutlich sumpfiger aus, und der Literaturtempel wirkt auf mysthische Weise gleichzeitig erhaben und ein wenig verwittert. Später gibt es noch Fotos von Saigon, auf denen vor allem die Leere der großen Plätze auffällt.

Eine lohnenswerte Zeitreise.

Der chinesische Richtungsschwenk

Wir schreiben den August 1969, und der chinesische Parteivorsitzende Mao Zedong stellt folgende Überlegung an: „Im Norden und Westen liegt die Sowjetunion, im Süden liegt Indien, und im Osten liegt Japan. Sollten sich alle diese Feinde verbünden, was dann? Aber haben nicht schon unsere Vorfahren uns geraten, mit weit entfernten Ländern zu verhandeln, um jene zu bekämpfen, die uns nahe liegen?“.

Das Zitat unterstreicht einen der überraschendsten Richtungswechsel der chinesischen Außenpolitik: China begann sich bekanntlich den USA zuzuwenden, und spätestens 1971 änderte sich mit der „Ping-Pong-Diplomatie“ zwischen China und Amerika plötzlich die gesamte geostrategische Landschaft in Asien.

Was die Vietnamesen darüber dachten? Die meisten vietnamesischen Politiker fühlten sich unweigerlich an 1954 erinnert, an die Genfer Verhandlungen nach der französischen Niederlage von Dien Bien Phu, als China seine Beziehungen zum Westen über ein erfolgreiches Verhandlungsergebnis für Vietnam stellte. Damals stimmte Vietnam der vorläufigen Teilung des Landes zwischen Nord und Süd zu, auch unter dem Druck der chinesischen Delegation. Denn auch der Richtungsschwenk 1971 hatte zur Auswirkung, dass China nun die vietnamesische Regierung in Hanoi dazu drängte, Verhandlungen mit Nixon aufzunehmen. Vordergründig verurteilte die chinesische Führung zwar weiterhin den Vietnamkrieg aufs Schärfste, hinter den Kulissen aber übten chinesische Gesandte Druck auf Hanoi aus, wie wir heute dank chinesischer Akten wissen.

Ein vereinigtes, starkes Vietnam erschien der chinesischen Partei nun gar nicht mehr so erstrebenswert, alle möglichen Gründe sprachen auf einmal dagegen: Dass die Sowjetunion so heftig um Vietnam warb, und damit die „Umklammerung“ Chinas perfekt machen könnte zum Beispiel. Oder auch die Ereignisse in Kambodscha, wo sich unter Pol Pot die Möglichkeit eines chinafreundlichen Regimes herausschälte.

Von diesen internen strategischen Überlegungen konnten die vietnamesischen Politiker wohl nur ahnen, aber der chinesische Richtungswechsel war trotzdem nicht zu übersehen. Schließlich hatte es, ironischerweise, 1968 noch genau umgekehrt ausgesehen: Vietnam hatte nach der Tet-Offensive Verhandlungen mit Washington aufgenommen – und die Chinesen hatten erzürnt reagiert. Schon die Tet-Offensive selbst war in Peking auf Misstrauen gestoßen, der vietnamesische Großangriff wurde als Abkehr von der „chinesischen Kriegsstrategie“ interpretiert, nämlich dem Kampf um die Dörfer, hin zu einer „sowjetischen Strategie“, einem Frontalangriff auf die Städte mit schwerem (= sowjetischem) Kriegsgerät.

Der chinesische Gesandte Zhou Enlai giftete also gegenüber den Vietnamesen: „Die sowjetischen Revisionisten glauben, es sei falsch, über das Land die Städte zu umzingeln, sie glauben, nur Blitzangriffe auf große Städte bringen den Sieg. Wenn ihr das tut, werden sich die USA freuen, weil sie große Gegenoffensiven starten können.“ Chinas Haltung: Keine Angriffe auf die Städte, und erst recht keine Verhandlungen mit dem Feind. Die Vietnamesen sollten gefälligst weiter durchhalten. Leicht gesagt für ein Land, das zwar 300.000 Mann an Unterstützungstruppen gesandt hatte (vor allem Ingenieure, Flugabwehr und militärische Berater), aber nicht selbst die Bombardements ertragen musste. Dementsprechend gereizt reagierten auch die Vietnamesen. „Wir sind diejenigen, die kämpfen und siegen“, sagte Pham Van Dong, und Le Duc Tho erklärte: „Lasst die Realität entscheiden.“

China begann daraufhin, die Militärunterstützung zu kürzen: 1970 verließen mit einem Kontingent chinesischer Eisenbahningenieure die letzten chinesischen Truppen Nordvietnam. Die Waffenlieferungen wurden drastisch reduziert. 1970 lieferte China nur noch 100.000 Gewehre (die Hälfte im Vergleich zu vorher), und nur noch 400.000 Mörsergranaten (ein Fünftel der zuvor gelieferten zwei Millionen pro Jahr).

Kaum verwunderlich also, dass Vietnam die neuen chinesischen „Ratschläge“ 1971/72 erstaunt zur Kenntnis nahm, und die vietnamesischen Politiker nur zu einem Schluss kommen konnten: Unser „großer Bruder“ lässt uns mal wieder im Stich. Das Misstrauen sinkt auf den vorläufigen Tiefpunkt und führt von dort aus in gerade Linie weiter zu den Verwicklungen von 1979 und dem vietnamesisch-chinesischen Krieg. Was die Vietnamesen übrigens nicht daran hindert, noch mal für die letzten Kriegsjahre gegen die Amerikaner den Chinesen so viele Waffenlieferungen wie möglich aus den Rippen zu leiern: 1973 kommen wieder 200.000 Gewehre und zwei Millionen Mörsergranate an. Vietnam sieht das allerdings nicht als echte Unterstützung, sondern als Eingeständnis der schlechten Gewissens.

Übrigens hatte Mao zwar recht damit, dass es eine alte chinesische Tradition ist, mit den Nachbarn der direkten Feinde zu verhandeln. Allerdings übersah er dabei zwei relativ auffällige Fehlschläge: 1120 schloss die Song-Dynastie ein Bündnis mit den Jurchen-Stämmen gegen das benachbarte Großreich Khitan – nur um kurze Zeit später, nachdem Khitan gefallen war, den gesamten nördlichen Teil ihres Reiches an die Jurchen zu verlieren. Und hundert Jahre später, 1233, verbündeten sich die Song, die offenbar nichts aus der Vergangenheit gelernt hatten, mit einem neuen Verbündeten gegen eben diese Jurchen. Dieses „neue Volk“ waren… die Mongolen.

Kurze Zeit später war die Song-Dynastie Geschichte. Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, die großen entfernten Nachbarn zur Hilfe zu rufen…

Wir lesen: Das StGB, §1 bis §358…

Die Lautsprecher waren eigentlich in letzter Zeit verstummt. Während es in früheren Jahren noch regelmäßig vorkam, dass sowohl morgens als auch nachmittags Informationen und Musik durch die in der Straße installierten Lautsprecher kam, war zeitweise komplett Ruhe. Dann kamen sie wieder, aber nur Nachmittags (was offen gestanden störend genug ist, wenn man sich gerade zum Beispiel auf einen Text konzentrieren will).

Seit dieser Woche sind sie wieder voll da. Nachmittags gibt es die übliche halbe Stunde Informationen und Musik. Heute morgen gab es einen Dauer-Marathon: Drei Stunden Frauenstimme. „Absatz a)… Absatz b)… Absatz c)…“. Die Frau las ausführlich vor, an welche Regeln sich der Hanoier Bürger zu halten hat, welche Paragraphen dafür gelten, und welches Strafmaß auf Nichtbefolgung steht.

Seitdem weiß ich, dass Auf-die-Straße-urinieren mit 3 bis 5 Millionen Dong (umgerechnet bis zu 170 Euro) belegt werden kann. Oder war es das Falschparken? Oder Sport treiben an nicht dafür ausgewiesenen Plätzen? Es waren sehr, sehr viele Paragraphen und sehr, sehr viele Strafen und sehr viele Absätze a) und Absätze c). Ich gebe zu, ich habe nicht alles verstanden, wenn die Lautsprecher zu laut aufgedreht sind, dann scheppern sie immer so.

Drei Stunden Strafgesetzbuch im weiblichen Brüllbefehlston.

Vietnam kann manchmal so überraschend dynamisch, fast schon erschreckend modern und optimistisch zukunftsweisend sein. In solchen Situationen wie heute Morgen ist es dann leider wieder nur einfach erschütternd altbacken. Glaubt auch nur irgend jemand durch eine zwanghafte Dauerbeschallung nahe an der Grenze zum Gehörschaden lasse sich irgend ein einziger Mensch in seinem Verhalten ändern?

(Sport treiben an nicht ausgewiesenen Plätzen ist meiner Beobachtung nach sowieso nicht möglich, weil alle nicht ausgewiesenen Plätze bis auf das kleinste Stück Bürgersteig mit parkenden Motorrollern zugestellt sind.)

Achtung, ich will tanzen!

Vietnam hat es mal wieder in die internationalen Schlagzeilen geschafft, mit einer Geschichte, die irgend etwas zwischen kurios und brutal zu sein scheint, und bei der es einige Anzeichen dafür gibt, dass sie nicht ganz stimmt. (Das ist das Problem, wenn man die Arbeitsbedingungen für ausländische Journalisten so schwer macht, dass kaum jemand herkommt, und am Ende jeder vom anderen abschreibt.)

Es geht um Demonstrationen. Und um Tänze.

Im Jahr 2014 jährt sich zum 35. Mal der kurze Krieg zwischen Vietnam und China, ein in seiner Entstehung ziemlich vielschichtiger Konflikt, der 1979 nur vordergründig wegen des Einmarschs der Vietnamesen in Pol Pots Kambodscha ausbrach. International wurde er schon damals nur relativ verhalten wahrgenommen, weil er nicht so ganz ins Raster des Kalten Krieges passte. Warum sich plötzlich ausgerechnet zwei kommunistische Staaten bekämpfen, war dem Westen unerklärlich, und schien für den Ostblock eine irgendwie geartete Verschwörung des Feindes.

Wer sich mit vietnamesischer Geschichte ein klein wenig beschäftigt, findet einen Konflikt gegen den großen Nachbarn und historischen Gegner China weitaus weniger überraschend. Und selbst dieser Verweis auf „jahrhundertealte Ressentiments“ greift letztlich zu kurz. Die neuere Forschung geht dank mittlerweile zugänglicher Dokumente aus der UdSSR und China davon aus, dass der Grund für den Krieg vor allem in der chinesischen Innenpolitik lag, nämlich einer ideologischen Verhärtung in der chinesischen KP, die noch zusätzlich dadurch aufgestachelt wurde, dass die vietnamesische Regierung angefangen hatte, die chinesische Gemeinschaft aus dem Land zu vertreiben (was wiederum mehr mit deren Status als „Bourgeoisie“ zu tun hatte, als mit ihrem ethnischen Hintergrund; tatsächlich waren sehr viele der bekannten „Boatpeople“-Flüchtlinge Sino-Vietnamesen). Der politikwissenschaftliche Sammelband „The Third Indochina War“ (2006) bietet dazu haufenweise Aufsätze, falls sich jemand mit dem Thema beschäftigen möchte.

Der Ausgang des Kriegs, der sich auf die vietnamesisch-chinesische Grenzregion beschränkte, wird in beiden Ländern sehr unterschiedlich bewertet. Aus Sicht der Vietnamesen ist es ein weiterer Sieg in der Reihe der Siege gegen Franzosen und Amerikaner, während die chinesische Geschichtsschreibung erklärt, man habe sich freiwillig wieder zurück gezogen, nachdem den Vietnamesen „eine Lektion“ erteilt worden sei. Zumindest international dürfte eines relativ unstrittig sein: Der Konflikt war ein ungerechtfertigter Angriffskrieg der Chinesen.

Diesem Ereignis nun zu „gedenken“ ist in Vietnam naturgemäß eine sensible Angelegenheit. Erstens sind Kundgebungen und Demonstrationen, die nicht irgendwie von offizieller Seite initiiert wurden sowieso höchst unerwünscht. Zweitens ist alles, was mit China zu tun hat, hochpolitisch. Man verärgert den großen Nachbarn nicht gerne, erst recht nicht im Zuge des aktuellen Streits um die Seegrenzen. (Wer weiß, wie schnell so etwas wieder zu einem realen, aktuellen Konflikt führen könnte.) Gleichzeitig möchte man sich auch nicht unbedingt von China auf der Nase herumtanzen lassen, oder gegenüber der eigenen Bevölkerung diesen Eindruck erwecken. Es steht also zu vermuten, dass die Demonstration einer Gruppe von vietnamesischen Bürgern zum Gedenken dieses 35. Jahrestags von staatlicher Seite mit höchst gemischten Gefühlen gesehen wurde.

Nun melden internationale Zeitungen folgendes: Die Demonstranten, und vorneweg ein Mann namens Nguyen Quang A, werden zitiert mit den Worten, dass die Behörden eine List ausgeheckt hätten, indem sie eine Gruppe von Tänzern an den Ort der Demonstration schickten, um auf diese Weise die Kundgebung unauffällig zu unterbinden. Tango statt Trillerpfeifen.

Die Meldung wurde ziemlich weit verbreitet, von der Washington Post, über die saudische Arab News bis hin zum in Japan ansässigen Asien-Pazifik-Magazin „Diplomat. Angeblich sollen sogar chinesische Medien das Thema aufgegriffen haben, mit dem pikanten Detailunterschied, dass dort nicht erwähnt wurde, gegen was eigentlich demonstriert worden war.

Nun wäre das Muster nicht vollkommen neu. Es gibt tatsächlich bestätigte Fälle in der Vergangenheit, bei denen sich angeheuerte Personen oder Polizei in Zivil unter Demonstranten mischten, um diese entweder auseinander zu treiben, die Sache eskalieren zu lassen oder einfach irgendwie zu stoppen. Das Motiv wäre, wie geklärt, ebenfalls vorhanden.

Allerdings macht eine Sache etwas stutzig: Der Ort der Demonstration war die Statue von Hanois Stadtgründer Ly Thai To, am Hoan-Kiem-See. Dort sind Tango-Tänzer, Aerobic-Gruppen und Breakdancer ziemlich häufig, und keinesfalls jene „unübliche Erscheinung“, die die AP-Meldung (in Washington Post und Arab News) zitiert. Um genau zu sein wäre es einer der Orte in Hanoi an den ich hinginge, wenn ich zufälligerweise aus irgend einem Grund Tänzer suchen müsste. Ob die Demonstranten eventuell zum Großteil nicht aus Hanoi stammten, und dieses Detail nicht wussten, oder ob sie die Chance genutzt haben, ein bisschen internationale Publicity für ihre Sache zu erhaschen, kann ich nicht beurteilen.

Ein amerikanischer Wirtschaftsprofessor notierte jedenfalls mit sarkastischem Unterton in einem E-Mail-Diskussion: „Komme gerade vom Abendessen zurück und bin an der Statue vorbei gelaufen. Die ewig wachsamen Tänzer sind noch immer da, und wachen darüber, dass sich keine Demonstranten blicken lassen, an diesem kalten, verregneten Hanoier Abend um 9 Uhr. Und tatsächlich: Keine Demonstranten zu sehen. Genau genommen niemand zu sehen, bei dem Wetter. Der Plan der Behörden scheint ein voller Erfolg.“