Falsche Richtung

Ich habe die Tet-Feiertage in Da Nang verbracht, genauer gesagt in einem Ferien-Bungalow, der für eine größere Familie ausgelegt war (drei Schlafzimmer), recht großzügig angelegt, mit einem weiten, offenen Erdgeschoss mit Wohnzimmer, Küche und Esstisch.

Kurioserweise befanden sich in diesem gemeinsam verbundenen Erdgeschoss gleich zwei Fernseher, einer im Wohnzimmerbereich, einer vor dem Esstisch. Offen blieb die Frage, ob die beiden Geräte dazu gedacht waren, dass zwei Gruppen gleichzeitig unterschiedliche Filme schauen können (und wie das dann mit der Lautstärke geregelt wird), oder ob es eine Art Rundum-Versorgung ermöglichen sollte.

Noch kurioser allerdings: Im Wohnzimmer befanden sechs kleine Korbsessel, im Esszimmer standen acht Stühle. Kein einziger dieser 14 Sitzgelegenheiten schaute in Richtung Fernseher.

Die Wohnzimmersessel waren Richtung Wohnzimmertisch ausgerichtet, die Esszimmerstühle Richtung Esstisch. Die Fernseher hingen an der Wand. Es war also völlig unmöglich, Fernsehen zu schauen, ohne den Kopf um 90 Grad drehen zu müssen. Vor allem aber eine Konstellation, die eine wichtige Erkenntnis unterstreicht: In vietnamesischen Familien ist der Fernseher kein Medium, vor dem man sich gemeinsam versammelt, um etwas zu schauen. Er ist ein Medium, das im Hintergrund läuft, während sich die Familie beim Essen oder im Wohnzimmer versammelt, um miteinander zu sprechen. (Warum auch immer man auf die seltsame Idee kommt, dass Sprechen dadurch erleichtert wird, dass von der Wand Bilder und Töne kommen).

Nun war ich nicht im Urlaub, um fernzusehen, insofern blieb die Flimmerkiste aus, und das Arrangement der Sitzgelegenheiten war egal. Allerdings habe ich ein paar Mal spätabends Fußball geschaut. Dafür musste ich dann im Wohnzimmer dann mit etwas Aufwand den recht schweren Korbsessel in Richtung Fernseher drehen, wenn ich keine Nackenstarre riskieren wollte. Am folgenden Nachmittag war vom Reinigungspersonal des Bungalows der Sessel jedes Mal wieder Richtung Tisch gedreht (was zur Folge hatte, dass ich ihn abends wieder zurückdrehen musste; das Spielchen wiederholte sich ein paar Mal).

Ein Sessel, der in Richtung Fernseher schaut war offenbar nicht mit den Standards für Gutes Wohnen vereinbar.

Verspätetes Neujahr

Ich wünsche allen Lesern an dieser Stelle ein Frohes Neues Jahr.

Das Neue Jahr in Vietnam begann am 31. Januar, wir schreiben seitdem das „Jahr des Pferdes“. Ich habe das getan, was ich traditionell an Tet tue: Eine Woche Urlaub. Früher lautete die Regel dabei: Gehe nirgendwo hin, wo gerade Chinesisches (beziehungsweise Vietnamesisches) Neujahr gefeiert wird. Denn in all diesen Ländern bricht für zwei bis sieben Tage das öffentliche Leben zusammen, und das betrifft auch Restaurants und Lebensmittel.

Vor zwei Jahren bin ich zum ersten Mal von dieser Regel abgewichen und für ein paar Tage nach Singapur gefahren. Singapur ist zu sehr Geschäftsstadt, zu pulsierend und viel zu marktorientiert, um wegen eines Feiertags zusammenzubrechen. Einen halben Tag lang waren einige größere Restaurants geschlossen, und schon am zweiten Tag herrschte wieder buntes Treiben; da immer noch Feiertag war, vor allem in den Shopping-Malls und anderen Orten, die man wohl so zum Vergnügen aufsucht.

Als ich nach ein paar Tagen wieder zurück nach Hanoi kam, waren die Supermärkte und sonstigen Märkte komplett leer, weil die Lebensmittellieferanten die ganze Woche nichts geliefert hatten.

Seitdem lautete die Regel: Gehe eventuell irgendwo hin, wo Chinesisches Neujahr gefeiert wird, aber vermeide Vietnam.

Auch diese Regel gilt nur noch eingeschränkt.

Ein Bekannter, der erst seit elf Monaten in Vietnam ist, verfasste vergangene Woche einen Beitrag in einem sozialen Netzwerk, der ungefähr so lautete: „Vor dem Vietnamesischen Neujahr erzählen dir alle Ausländer, dass man unbedingt das Land verlassen müsse, dass das öffentliche Leben versiegt, dass man sich den Kühlschrank vollstopfen muss, weil es nirgendwo etwas zu essen gibt, und dass das Wetter total kühl, regnerisch und unangenehm sei. Jetzt habe ich mein erstes Tet in Vietnam erlebt, und stelle fest: Es gibt haufenweise geöffnete Straßenküchen (nur die Restaurants in den Westler-Vierteln sind zu), es sind erstaunlich viele Menschen auf den Straßen, und das Wetter ist wunderschön sommerlich. Das einzige, was anders ist: Man trifft nur noch Vietnamesen, weil alle Westler panisch das Land verlassen haben. Ich finde Tet toll.“

Die Ausländer, die sowieso nur in ihren Villen sitzen, und vom lokalen Leben keine Ahnung haben, übertreiben mal wieder maßlos, lautet wohl die Quintessenz dieses Eintrags.

Tatsächlich ist es so: Vietnam scheint jedes Jahr ein stückweit weniger in Tet-Starre zu verfallen. Als ich vor sieben Jahren hierher gekommen bin, waren in meinem Wohnviertel die kleinen Lebensmittelläden tatsächlich noch mehr als zwei Wochen geschlossen. Und Hotels waren landesweit entweder ebenfalls zu, oder verfügten nur über ein Zehntel ihrer sonstigen Bediensteten. Das ist heute deutlich weniger der Fall, im Süden des Landes nochmal weniger als in Hanoi, und selbst in Hanoi kam man dieses Jahr an etwas zu essen. Zu allem Überfluss war tatsächlich das Wetter ungewöhnlich schön: Warme, sommerliche Temperaturen.

Bis zum Wochenende.

Seit gestern, seit meiner Rückkehr in Hanoi, ist das Wetter wieder umgeschlagen. Wir haben jetzt fröstelnde 10 bis 14 Grad Celsius, es ist grau, und es ist ziemlich ungemütlich. Das „echte“ Neujahr kommt also verspätet, nicht nur in meinen Glückwünschen.

Immerhin, Vorteil: Noch immer sind zahlreiche Hanoier, die Familie auf dem Land haben, nicht zurück gekommen. Die Straßen sind merklich leerer, die Geschäfte sowieso. Man muss aktuell nicht Schlange stehen.

Ich denke aber, in ein paar Tagen hat sich auch das erledigt.

Frohes Neues Jahr!

Grüntee plus Nachrichten

Kleiner Nachtrag zum Thema Internet und Internetnutzung in Vietnam.

Ich bin gestern zu Fuß einkaufen gegangen. Dabei bin ich an insgesamt drei Männern vorbei gekommen, die auf kleinen Plastikstühlen saßen, Tee tranken, und dabei auf ihrem Smartphone herumfingerten.

Einer davon hörte offensichtlich Musik, die zwei anderen lasen vietnamesische Internet-Zeitungen.

Das ist selbstverständlich eine völlig nicht-repräsentative Menge, und es sind auch nicht die angeblich 90 Prozent Vietnamesen, die laut Nielsen-Umfrage Online-News konsumieren, aber es ich empfand es (so im Vorbeigehen, im wahrsten Sinne des Wortes) trotzdem eine bemerkenswerte Beobachtung.

Es stimmt schon: Vietnamesen lesen scheinbar gerne viel Zeitung. Ich empfinde auch die Zahl der gelangweilten, auf ihren Motorrollern liegenden Xe-Om-Fahrer, die dabei in Zeitungen blättern, als gefühlt „erstaunlich hoch“. Weiß nicht, ob mir in Deutschland bei der Assoziationskette „Fahrer“, „gelangweilt“, „vermutlich arbeitslos“ unbedingt als nächstes sofort „Zeitung“ einfallen würde.

Erst recht, wenn man sich überlegt, dass es hierzulande keine „BILD“ gibt.

Ballon d’Or aus vietnamesischer Sicht

Sage nochmal jemand, die Fifa sei intransparent. Wer sich die Mühe machen will, kann sämtliche Wählerstimmen zum Ballon d’Or, dem Weltfußballerpreis des Jahres 2013 im Internet nachlesen.

Und wie haben die drei vietnamesischen Vertreter gewählt?

Es gab in den vergangenen zwei Tagen ja so einige Stimmen, die erklärten, die Wahl sei sowieso eine Farce, weil hinterwäldlerische Länder wie die Vanatu oder die Jungferninseln sowieso keine Ahnung von Fußball hätten und deswegen einfach den Spieler wählen würden, den sie zumindest durch Werbeverträge für Unterwäsche, Parfüm und Versicherungen kennen (wobei man gegen diese Argumentation kritisch einwenden könnte, dass David Beckham nie den Ballon d’Or gewonnen hat).

Nicht von der Hand zu weisen ist natürlich, dass die englische oder spanische Liga gerade in Asien einen deutlich höheren Stellenwert haben und häufiger im Fernsehen zu sehen sind. Nachteil für Bundesliga-Vertreter Ribéry? Nicht in Vietnam. Hier gibt es, wie schon ein paar Mal erwähnt, Bundesliga im Free-TV, und das sogar noch zu deutlich humaneren Anpfiffzeiten als die notorisch spät in der Nacht startende spanische Liga.

Resultat der Wahl?

Mannschaftskapitän Le Tan Tai:
1.) Ribéry
2.) Messi
3.) Ronaldo

Nationaltrainer Hoang Van Phuc:
1.) Ribéry
2.) Messi
3.) Ronaldo

Medienvertreter Truong Anh Ngoc:
1.) Ribéry
2.) Messi
3.) Ronaldo

Also… fast schon etwas eintönig. Der Medienvertreter der hinterwäldlerischen Jungferninseln hat wenigstens noch Ibrahimovic gestimmt, und auf den Cayman Inseln taucht gleich mehrfach Neymar auf. Der Nationaltrainer des Libanon wartet mit Cavani/Pirlo/Xavi auf. Da waren die Vietnamesen doch deutlich konformer.

Die spannende Frage ist jetzt natürlich, ob das von hochgradigem Fußballsachverstand oder von Hinterwäldlertum zeugt. Es gibt auf Vietnamesisch ein ausführliches Interview mit dem Journalisten Anh Ngoc, in dem er schon im Vorfeld seine Entscheidung begründet.

Also wohl doch eher Fußballsachverstand. Wer könnte daran in Vietnam auch zweifeln?

Vietnam, Internetland

Ich bin über einen Artikel im „Journal of Current Southeast Asian Affairs“ gestolpert, der zwar zwei Jahre alt ist, aber eine für mich beeindruckende Tabelle enthält: Laut dem Nielsen-Report von 2011 nutzten zu dieser Zeit in Vietnam 56 Prozent der Bevölkerung das Internet. Verglichen mit anderen südostasiatischen Staaten ist das der zweithöchste Wert hinter dem Industriestadtstaat Singapur. Länder mit einem deutlich höheren Durchschnittseinkommen wie Thailand oder Malaysia kommen in dieser Erhebung jeweils nur auf etwa 30 Prozent Internetnutzer.

Heruntergebrochen auf Altersgruppen kommt der Nielsen-Report bei den Unter-20-Jährigen in Vietnam sogar auf 92 Prozent Internetnutzer, selbst in der Gruppe der bis zu 50-Jährigen sind es noch stramme knapp 30 Prozent.

Von diesen Internetnutzern in Vietnam geben weiterhin über 60 Prozent an, dass sie das Internet „täglich“ nutzen, weitere 30 Prozent nutzen es „mindestens mehrmals die Woche“. Auch das sind im Vergleich mit den anderen fünf südostasiatischen Ländern Spitzenwerte, die an Singapur heranreichen. In Thailand zum Beispiel ist die Situation komplett umgedreht: Hier gaben nur etwa ein Drittel an, das Internet „täglich“ zu nutzen, zwei Drittel nutzen es „mehrmals die Woche“.

Über die Gründe kann ich nur spekulieren, allerdings unterstreichen die Zahlen auf ziemlich beeindruckende Weise wie internetverrückt die Vietnamesen sind. Sie erreichen gleichzeitig auch Spitzenwerte in der Frage, was genau man denn nun mit seiner Internetzeit so alles anstelle: 90 Prozent der vietnamesischen Internetnutzer gaben hier an, dass sie „Online-Nachrichten“ lesen. Offen gestanden eine Zahl, die ich nicht ganz glauben kann, wenn ich mir den Konsum so rundherum anschaue, wobei natürlich die Frage ist, wie genau man „Online-Nachrichten“ definiert, und was genau wiederum „anschauen“ heißt (es könnte ja auch heißen, kurz draufzuschauen, und dann sofort den Link über das neueste Celebrity-Gerücht anzuklicken).

Ein weiterer regionaler Vergleich ist interessant: 75 Prozent der vietnamesischen Haushalte nutzen laut Nielsen-Report von 2011 einen Desktop – aber nur etwa 30 Prozent haben ein internetfähiges Mobiltelefon. Das wiederum ist der komplette Gegensatz zu Indonesien, wo nur 30 Prozent einen Computer zu Hause herum stehen haben, aber satte 78 Prozent ein internetfähiges Telefon und sogar 40 Prozent ein Smartphone. Wie gesagt: Die Zahlen sind von 2011 (möglicherweise speisen sie sich sogar aus Umfragen, die im Jahr zuvor gemacht worden waren), sind also nicht mehr aktuell. Gefühlt würde ich sagen dass die Zahl der Smartphones in Vietnam in den vergangenen drei Jahren sicherlich deutlich angestiegen ist. Der Trend ist allerdings trotzdem ersichtlich, gerade im regionalen Vergleich: Vietnam hat offenbar noch eine vergleichsweise große Anzahl von Computern in häuslichen Wohnungen herumstehen.

Der Artikel räumt übrigens auch gleich mit einem Vorurteil auf: Dass die Nutzung von Internet und Social Media automatisch dazu führe, dass die Bevölkerung mehr politische Mitsprache fordere. Das sei weder in Vietnam noch in anderen südostasiatischen Ländern zu belegen, schreibt Autor Jason Abbott. Allerdings wirft er in den Raum, dass das Internet selbstverständlich und ganz automatisch das Informationsmonopol der Regierenden breche. In diesem Zusammenhang gibt es eine durchaus bemerkenswerte Überlegung: Es ist für Regierungen relativ einfach, bestimmte Kanäle, Plattformen oder Programme zu verbieten, die ausschließlich politisch genutzt werden. Hier kann man sich als Machthaber problemlos Argumente einfallen lassen, warum solche Werkzeuge potentiell gefährlich, schädlich oder autoritätsuntergrabend sind. Ganz anders ist es, wenn es darum geht, Plattformen zu unterbinden, die überwiegend unpolitisch genutzt werden. Der Internetaktivist Ethan Zuckerman hat das die „Cute Cat Theory“ genannt: Wenn Staaten anfangen, Seiten zu sperren, auf denen unpolitische User im Grunde überwiegend nur süße Katzenbilder anschauen wollen, riskieren sie, selbst diese eigentlich unpolitische Masse gegen sich aufzubringen.

Außerdem, argumentiert Zuckerman, mache der Staat durch solche Zensuranstrengungen automatisch eine größere Anzahl an Personen zu potentiellen „Dissidenten“. Nicht im eigentlichen, klassischen Sinn – aber zumindest durch die simple Tatsache, dass plötzlich mehr oder weniger unpolitische Bürger nach Möglichkeiten suchen, um Netzsperren zu umgehen – nur, um wieder auf Facebook mit Freunden Belanglosigkeiten austauschen zu können. Letzteres zumindest darf ich aus Vietnam vollends bestätigen: In der etwa zweijährigen Zeit der erschwerten Erreichbarkeit von Facebook wusste anscheinend jeder Vietnamese irgendwie, wie man DNS-Adressen ändert oder sich anderweitig Zugang zu Facebook verschafft. Meist ging es dann darum, endlich wieder Farmville spielen zu können. Zugegeben, überwiegend hatten nach meiner Beobachtung die meisten Nutzer keine Ahnung, was genau sie da taten. Aber trotzdem wussten erstaunlich viele, in welche Eingabefelder der Systemsteuerung sie was genau tippen mussten – vermutlich mehr, als die durchschnittlichen deutschen Facebook-User.

Das stellt dann auch den allgemeinen Vorwurf unter ein ganz neues Licht, Internetnutzer seien generell unpolitisch und surften ohnehin nur auf belanglosen Seiten herum (mal abgesehen von den Vietnamesen, die ja angeblich zu 90 Prozent Nachrichten lesen): Süße Katzen zu suchen wird damit hochpolitisch – weil es anderen Internetaktivisten einen Schutzmantel bietet, ihre politischen Nachrichten zu verbreiten.

Den kompletten Artikel gibt es übrigens als PDF hier.

151, Kapitel 8: Kakerlake

Das Foto zu diesem Kapitel gehört mit zu den kniffligsten des Buches, es stand mit einer Handvoll anderer Motive bis kurz vor Schluss auf meiner „To Do“-Liste, und ich hatte lange Zeit keine Ahnung, wie ich es organisieren sollte.

Das Problem ist nämlich folgendes: Kakerlaken sind eigentlich nachtaktiv. Sie bevorzugen die Dunkelheit, und lassen sich überwiegend nachts erwischen, wenn man in der Küche das Licht anschaltet, und eine Kakerlake schnell über den Boden huscht und unter der nächsten Schrankritze verschwindet.

In diesen Situationen allerdings hat man leider entweder keinen Fotoapparat zur Hand, oder bis man ihn geholt hat, ist es schon zu spät (wie gesagt: huschen). Ganz zu schweigen von der Frage, wie man im Halbdunkel des funzligen Küchenlichts genug Helligkeit erzeugt, um eine Kakerlake angemessen fotografisch in Szene zu setzen.

Es war also weniger ein Problem, generell ein Motiv zu finden (so wie bei der Frage, wie ich das Kapitel über Mücken bebildern soll), als vielmehr – das Motiv auch tatsächlich in flagranti zu erwischen. Nun ist es ja so, dass einem in Vietnam gefühlt überall Kakerlaken begegnen, aber auch das stellte sich als typischer Fall von Vorführeffekt dar: Wenn man eine sucht, findet sich garantiert keine.

Ich erinnerte mich schließlich, dass eine meiner frühen Wohnungen in einer alten, schmalen Gasse lag, mit Torbögen und eng bebauten Häusern auf beiden Seiten. Dort tummelten sich auch tagsüber Kakerlaken im Halbschatten. Sie krabbelten sogar in Scharen die schattigen Wände hoch. Also fuhr ich dort hin, Kamera im Anschlag – nur um festzustellen, dass die alte, schmale Gasse einer neuen, sauberen betongesäumten Gasse gewichen war, in der meilenweit keine Kakerlake ihren Fühler hervorstreckte. Hanoi ist manchmal rasend schnell in seiner Entwicklung.

Am Ende half der Zufall.

Das Foto zu Kapitel 8 stammt von meinem Balkon. Dort saß eines Morgens, im gleißendflutenden Sonnenlicht der Herbstsonne, eine fette Kakerlake. Ich vermute ehrlich gesagt, dass sie krank oder verwundet war. Wenn man genau hinsieht, fällt nämlich auf, dass der Kakerlake der rechte Fühler fehlt. Sie reagierte auch nicht aufs Fotografiertwerden.

Es war und bleibt bis heute das einzige Mal, dass ich mich über eine Kakerlake auf meinem Balkon gefreut habe.

151, Kapitel 7: Wasserbüffel

Für die letzten Wochen meiner Magisterarbeit bin ich damals auf eine Schweizer Berghütte gefahren. Kein Internet, keine Ablenkung, nur die Bücher, der Computer und ich (und meine damalige Freundin; und sehr viel guter Schweizer Käse, frisches Obst, leckere Nudeln und klare Bergluft). Wenn ich mit dem Schreiben oder Korrigieren der Kapitel fertig war, sind wir auf Bergwanderung gegangen. Warum ich das an dieser Stelle erzähle? Weil ich vor den Kühen einen Heidenrespekt hatte. Jeden Moment, dachte ich, würde eine dieser Kühe beschließen, mich umzurennen.

Bei Wasserbüffeln hatte ich noch nie dieses Gefühl. Ich weiß nicht ob das übertriebene Furcht vor Schweizer Bergkühen ist, oder unvorsichtige Naivität vor den Emotionsausbrüchen vietnamesischer Wasserbüffel. Tatsache ist, dass ich für die Recherche des Kapitels unter anderem durch eine Herde Wasserbüffel hindurchgelaufen bin. (Also gut, nicht direkt „für“ die Recherche, aber im Rahmen der Recherche ergab sich das so.)

Das Foto wiederum ist kurioserweise eines meiner ältesten Vietnamfotos, geschossen bereits 2005 bei meinem allerersten Besuch in Sapa. Ein Schnappschuss. Der Büffel kam um die Wegesbiegung getrabt. Klick. Was unter anderem beweist, dass man für interessante Motive keine teure Ausrüstung braucht – das Objektiv, das ich damals auf der Kamera hatte, war nicht zu vergleichen mit den Summen, die ich heute in der Fototasche spazieren führe.

151, Kapitel 3: Reisbauer

Das schöne an einer Buch-Recherche ist, dass man sich selbst noch einmal dazu zwingt, alltägliche Dinge neu zu entdecken, zu hinterfragen und zu erleben. Das Kapitel über Bauern war für mich eines der intensivsten dieser Neuentdeckungen. Ich hatte schon vorher mit Bauern zu tun, und war auch schon zuvor auf dem Land. Mich in Ruhe hingesetzt und mit Menschen vom Land durchdekliniert, was genau sie eigentlich verdienen, und welchen Arbeitsaufwand sie dafür leisten müssen, hatte ich noch nicht.

Seitdem sehe ich auch nochmal die Bauern auf den Feldern mit anderen Augen. Und ich wundere mich auch nicht mehr, warum zur Ernte-Jahreszeit auf Landstraßen oder in den Höfen riesige Flächen Reis ausgebreitet sind. (Die Sache mit dem Reisstroh stört mich allerdings noch immer…).

Das Foto war ursprünglich vom Layout für eine Doppelseite eingeplant, aber weil wir die Doppelseite schließlich für das erste Kapitel beschlossen haben, musste an anderer Stelle Platz eingespart werden. Die Seitenzahl bei den 151-Büchern steht leider sehr exakt fest, und hat unter anderem mit Druckkosten und ähnlichen verlagsinternen Überlegungen zu tun. Der Vielfarbdruck ist nicht gerade günstig.

Mein Problem ist natürlich auch, dass ich immer jeweils ziemlich viel geschrieben habe. Diese vielen Buchstaben nehmen schon so einiges an Platz weg…

151, Kapitel 1: Lac Long Quan

Langjährige Blogleser werden wissen, dass ich an dieser Stelle zu Lac Long Quan eine zweiteilige Artikelserie gemacht hatte. Das erste Kapitel fußt lose auf diesen Blogeinträgen. Es gibt im Buch etwa zwei Dutzend Kapitel, die auf Blogeinträgen basieren. Eigentlich bin ich überrascht, dass es nicht mehr wurden (was natürlich auch langweilig gewesen wäre). Anders gesagt: Es gab sehr viel „vietnamesischen Alltag“, den ich hier im Blog trotzdem nie so richtig erwähnt hatte, oder immer nur ansatzweise.

Ich bin normalerweise kein großer Freund von chronologischen Einstiegen. Als Journalist gilt da für mich eher das Motto: Fang da an, wo es spannend ist. Trotzdem habe ich mich für den Einstieg über den vietnamesischen Urmythos entschieden, weil er gleichzeitig so schön viele Themen anreißt, die später noch von Bedeutung sind.

Eine Herausforderung war das Foto. Wie bebildert man eine mythische Sagengestalt? Ein Drachenfoto hätte funktioniert, aber den „Drachen“ hatte ich später bereits als Kapitel. Feen und Eier hingegen geben eher schwierige Fotomotive ab. Die Lösung kam relativ spät, aber dann erschien sie umso einleuchtender. Schließlich handelt der Mythos ganz explizit von Bergen und Meer – was also liegt näher, als ein wenig Landschaft ins Spiel zu bringen. Tatsächlich hätte das Buch andernfalls komplett ohne die Halongbucht auskommen müssen. Es gibt zwar ein Kapitel „Halongbucht“, aber das musste schon allein aufgrund des Inhalts die weißen Boote zeigen. So wurden Karstfelsen und Meer die Untermalung für das Einstiegskapitel.

Das Layout hatte das Foto ursprünglich auf einer Einzelseite platziert, und daneben gleich das zweite Kapitel „Reis“. Ich hatte den Verlag dann überredet, daraus eine Doppelseite zu machen, so dass das Landschaftsbild deutlich besser zur Geltung kommt, und man außerdem eine der seltenen Chancen nutzen kann, den Text direkt über das Foto zu legen (auch wenn das wegen des weißgrauen Himmels nicht so sehr auffällt). Andere 151er-Bände spielen etwas häufiger mit dieser Möglichkeit, im Vietnam-Band gab es leider zu wenige Fotos, bei denen sich dieser Layout-Stil als sinnvoll erwies. Das mag damit zusammenhängen, dass Vietnam so ein wuseliges Land ist, wo ständig noch irgend etwas auf Fotos im Hintergrund zu sehen ist – so ist es natürlich schwierig, den Text direkt auf das Foto zu legen.

Il n’y a pas photo

151 lebt erheblich von den Fotos. Ein Text, ein Foto – das ist das Konzept. Der Conbook-Verlag wollte bewusst „keine überprofessionellen Hochglanzfotos“, schließlich solle das Buch nicht in der Bildbandabteilung landen (wobei ehrlich gesagt Fritz Schumann mit Japan 151
wohl auch in der Bildbandabteilung stehen könnte). Trotzdem möchte man als Autor ja schöne, passende, hoffentlich auch spannende Bilder.

Ich lebe seit sieben Jahren in Vietnam. Ich fotografiere gerne. Meine Festplatte ist ziemlich voll mit Fotos. Eigentlich, hätte man denken können, ist das gar kein Problem: Archiv durchstöbern, Fotos zuordnen, vielleicht noch das eine oder andere schießen – fertig.

War aber nicht so.

Die Realität zeigte ziemlich schnell: Mein Archiv hatte eine ganze Reihe interessanter Motive, aber vor allem sehr viel Verkehr, Natur, Personen. Was es nicht hatte, waren ganz bestimmte Alltagssituationen oder -gegenstände, die man einfach nicht fotografiert. Warum sollte man auch? Zitronensaft zum Beispiel. Lautsprecher in den Straßen. Stände mit Banh Bao. Solche Sachen.

Eine Foto-Liste, die ich gerade beim Durchstöbern des alten Projektordners gefunden habe, listet insgesamt 70 Motive, die ich nicht in meinem Archiv hatte, und extra schießen musste. Dazu noch einmal 20 Motive, die die Überschrift tragen: „Ungeklärt“. Weil ich noch nicht einmal wusste, wie ich diese Kapitel bebildere, oder wo ich die Motive dafür her bekomme.

Korruption, Mücke und Taifun waren zum Beispiel solche Kapitel, bei denen ich anfangs keinen blassen Schimmer hatte, wie zum Teufel ich das nun bebildern soll.

Nachdem der Text im Sommer 2012 grob stand, bin ich in der Folge immer häufiger auf Foto-Spaziergänge gestartet, um bestimmte Motive einzufangen. Nicht immer wusste ich genau, ob ich auch mit den richtigen Fotos zurückkomme. Es gibt da nämlich eine gewisse Gesetzmäßigkeit: Man sieht, sagen wir, eigentlich ständig in Hanoi Menschen mit Fußballvereinsaufklebern auf den Motorrädern und Motorradhelmen herumfahren. Ständig. Überall. Aufkleber, wohin man schaut. Auf fahrenden Motorrollern, auf parkenden Motorrollern… Nur wenn man extra loszieht, um einen solchen Aufkleber zu fotografieren, kann man sicher sein, dass kein einziger vorbeifährt.

Das macht die Sache dann etwas schwierig.

Andere 151er-Autorenkollegen haben teilweise recht umfangreich auf Bilder von Freunden und Bekannten zurückgegriffen. Ich hatte irgendwie den Ehrgeiz möglichst viele Fotos selbst zu schießen. Was eine ganze Menge Arbeit bedeutete. (Umso dankbarer bin ich übrigens den sechs Freunden, die mir mit Einzelbildern ausgeholfen haben. Dazu in einem späteren Eintrag nochmal mehr.)

Umgekehrt hat mir bei einigen Fotos auch der Zufall geholfen. Sowas nennt man vermutlich ausgleichende Gerechtigkeit. Gleichzeitig waren einige der Foto-Exkursionen ganz wunderbare Gelegenheiten, seine eigene Stadt mal ganz anders kennen zu lernen. Die besten Fotos entstehen ja immer dann, wenn man ein bestimmtes Motiv sucht, und dann zufällig über etwas ganz anderes stolpert.