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Die deutschsprachige Literatur über Vietnam ist leider sehr begrenzt und beschränkt sich in weiten Teilen auf das Feld „Vietnamkrieg“. Auf dieser Seite folgt eine in unregelmäßigen Abständen überarbeitete Liste von allen Büchern rund um das Thema Vietnam, Südostasien (und eventuell auch Asien), die ich in den vergangenen Monaten und Jahren gelesen habe. Meistens handelt es sich dabei um Bücher auf Englisch, und nicht selten vermutlich auch um eher wissenschaftsorientierte Werke.

Vorausgesetzt ich pflege die Seite regelmäßig.

Was ich gerade lese (Stand: Anfang 2012)

Hue-Tam Ho Tai: Radicalism and the Origins of the Vietnamese Revolution. 1992

Ein Buch über die 20er und 30er Jahre in Vietnam, eine von der vietnamesischen und auch ausländischen Geschichtsschreibung eher vernachlässigte Zeit, in der die Gesellschaft wild darüber diskutierte, welchen Weg man denn nun eigentlich einschlagen will: Sowohl politisch als auch gesellschaftlich.

Was ich bereits gelesen habe

Pierre Brocheux & Daniel Hémery: Indochina. An Ambigous Colonization 1858-1954. University of California Press. 2009.

Es dürfte wohl kaum überraschen, dass die wichtigsten Monografien zur vietnamesischen Kolonialzeit aus Frankreich kommen. Das hier angegebene Buch ist die englische Übersetzung. Umfassender Überblick, bisweilen allerdings etwas detailverliebt und zahlenlastig. Eher ein wissenschaftliches Buch. Französische Professoren sind nach meiner Erfahrung auch nicht für ihren schlanken Schreibstil bekannt. Beleuchtet allerdings sehr eindrucksvoll einige Punkte der Kolonialzeit, wie zum Beispiel die Frage, ob die Kolonialisierung geplant und einheitlich umgesetzt wurde, oder ob Frankreich mehr Geld ins Land pumpte, als es wieder herauszug.

Patricia Pelley: Postcolonial Vietnam. New Histories of the National Past. 2002.

Grob gesagt geht es in diesem Buch um die Frage, wie Vietnam seit Bestehen der Sozialistischen Republik seine Geschichte interpretiert und konstruiert. Geschichte ist immer und überall ein Stück Konstruktion, in diesem Fall teilweise ganz besonders. Pelley zeigt auf, wie bestimmte Themen seit den 50er Jahren aus politischem Interesse ganz besonders hervor gehoben werden. Beispielsweise die Idee, dass Vietnam in seiner Geschichte immer wieder „von außen“ angegriffen wurde, und sich „gemeinsam“ verteidigt hat. Viele dieser Ideen werden heute als Realität angenommen, sowohl von den Vietnamesen selbst als auch von Besuchern, entpuppen sich aber beim genaueren Hinsehen als zumindest, sagen wir, „betont“, und zwar aus politischen Gründen.

Dabei beschränkt sich Pelley darauf, die Quellen aus dem 20. Jahrhundert zu analysieren, und macht eines nur sehr am Rande: Nämlich die moderne vietnamesische Geschichtsschreibung auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Wie sie zurecht sagt, würde das den Rahmen des Buches sprengen, und wäre vielleicht auch gar nicht zu bewältigen. Problem beim Lesen ist allerdings, dass es kapitelweise auf eine reine Beschreibung herausläuft. Eine interessante Beschreibung zwar, aber oft bleibt man als Leser mit der Frage allein gelassen, inwieweit die Zuspitzung bestimmter Ereignisse oder Themen denn nun übertrieben ist, oder vielleicht sogar falsch.

Das klärt Pelley nur an wenigen Stellen auf. Insofern bleibt unter dem Strich: Ein eher wissenschaftliches Buch für all jene, die sich für das Thema Geschichtsschreibung im Allgemeinen interessieren. Durchaus ein Augenöffner hier und da, aber für alle, die sich nicht tief fachlich mit vietnamesischer Historiographie beschäftigen wollen, eher nicht zu empfehlen.

Cherian George: Singapore. The Air-Conditioned Nation. Essays on the politics of comfort and control. 2000.

Singapur fasziniert mich seit meinem Abstecher dorthin. Vor allem als politisches Gebilde. Ein Zwergstaat, der eigentlich kein Einparteienstaat ist, aber irgendwie doch. Ein moderner Industriestaat, in dem die Bürger freiwillig auf ihre Rechte verzichten. Ein Staat, der in sämtlichen Korruptionslisten glänzend dasteht, der in Umweltschutz investiert, und gleichzeitig die Klimaanlage zur Erfindung des Jahrhunderts erklärt hat. Und der ein Schmelztigel aus Chinesen, Malayen, Indern und Eurasiern ist. Ein Singapur ohne Singapuris.

Das Buch ist von einem ehemaligen singapurischen Journalisten geschrieben, und teilweise eine Ansammlung seiner publizierten Essays, was für Nicht-Bewohner dann gelegentlich zu sehr ins Detail geht. Er beleuchtet vor allem die 90er Jahre mit kurzen, gut geschriebenen Kapiteln. Besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage nach Identität, nach Staatskontrolle und nach der Messbarkeit von politischem Erfolg. Gekauft nach einem wahllosen Griff ins Bücherregal einer Buchhandlung in Singapur. Einem, im wahrsten Sinne des Wortes: Glücksgriff.

JP Daughton: An Empire Divided. Religion, Republicanism, and the Making of the French Colonialism, 1880-1914. Oxford University Press, 2006.

Für Spezialisten. Eine Fallstudie zum Verhältnis zwischen katholischer Kirche und französischer Kolonialadministration um die Jahrhundertwende. Anhand von drei exemplarischen Untersuchungen in Vietnam, den Pazifik-Inseln und Madagaskar. Fazit der Studie ist, kurz gesagt, dass das Verhältnis phasenweise sehr gespannt war, weil das Frankreich der III. Republik mit der Kirche nun eigentlich so gar nichts am Hut hatte. Interessanter Einblick in koloniale Strukturen. Ich bin eigentlich schon fast fertig, aber irgendwie im dritten Teil mit Magadaskar hängengeblieben. Muss ich mal zu Ende lesen…

The Cambridge History of Southeast Asia. Volume One, Part Two. From 1500 to 1800. Cambridge University Press, 1992.

Der Titel klingt nach äußerst schwerfälliger historischer Lektüre, aber das Gegenteil ist der Fall. Obwohl wissenschaftlich gründlich recherchiert ist diese „Cambridge History“ sehr angenehm zu lesen. Allerdings geht sie auch sehr ins Detail. Gedacht also eher für denjenigen, der sich wirklich für Geschichte und Südostasien interessiert.

Lobenswert: Das Buch ist nicht in Länderkapitel unterteilt, sondern versucht tatsächlich, einen Rundumschlag über die Region zu liefern, anhand von breiteren Themen wie „Wirtschaftliche Entwicklung“, „Religion“ oder „Adaption neuer Ideen“. Dabei fällt dann aber doch ein wenig auf, dass trotz einiger Gemeinsamkeiten Unterschiede bestehen zwischen Festland (Burma, Thailand, Kambodscha, Vietnam) und dem Insel-Südostasien (das heutige Indonesien, Malaysia, Philippinen). Und Vietnam scheint bei all dem nochmal ganz besonders seinen eigenen Weg zu gehen, unter anderem durch den starken chinesischen und konfuzianischen Einfluss.

Das Taschenbuch ist eigentlich nur der zweite Teil einer Hardcover-Ausgabe, die sich von den Anfängen bis 1800 widmet, aber gerade die Zeit zwischen 1500 und 1800 ist äußerst spannend. Es ist eine Zeit, in der Südostasien in ein frühes, globales Handelsnetz mit hineingezogen wird, und einen Aufschwung erlebt (da sage noch jemand, Globalisierung sei etwas neumodisches), dem vom 17. Jahrhundert eine Wirtschaftskrise folgt, weil die meisten Staaten es nicht schaffen, den schmalen Grat zwischen freiem Handel, Reichtum und Staatsmacht zu finden. Wer wissen will, warum Asien gegenüber Europa im 19. Jahrhundert schließlich unterlegen ist: Hier finden sich Ansätze von Antworten. Sehr lesenswert, für Geschichtsinteressierte.

Richard Munz: Im Zentrum der Katastrophe. Was es wirklich bedeutet, vor Ort zu helfen. Campus Verlag, 2007.

Ein Buch, das jedem wärmstens in den Vorweihnachtstagen zu empfehlen ist, wenn wieder die Werbe-Broschüren der Hilfsorganisationen auf einen einprasseln. Autor Munz ist Notfallarzt und selbst seit über 20 Jahren in Katastrophengebieten im Einsatz, vor allem für das Rote Kreuz. Er erzählt dem Leser, warum Hilfsorganisationen oft die Wahrheit verdrehen müssen, um überhaupt an Spendengelder zu kommen, und warum die Medien so gerne darauf hereinfallen.

Dabei verfolgt Munz ein klares und unterstützenswertes Ziel: Er ist der Meinung, dass die Hilfsorgansiationen langfristig mehr Unterstützung bekommen würden, wenn sie gradliniger und ehrlicher sind. Dazu räumt er mit verschiedenen „Mythen“ auf, die immer wieder in der Katastrophenberichterstattung auftauchen. Er erklärt, warum die wichtigste Arbeit deutscher Hilfskräfte das Aufstellen von Toiletten ist (womit sich aber weder Fernsehbilder noch Spendengelder machen lassen), warum Notfallchirurgen meist völlig überflüssig sind (im Gegensatz zu Hebammen oder Allgemeinmedizinern), und warum die wichtigsten Helfer die Einheimischen vor Ort sind, und nicht die eingeflogenen ärtzlichen „Superhelden“, die selbst bei bester Planung oft erst nach zwei Wochen eintreffen können.

Vieles davon ist ziemlich desillusionierend, einiges wirft kein gutes Licht auf die Arbeit der Medien, aber bei aller Kritik bleibt Munz immer fair, und mit einem konstruktiven Ziel vor Augen. Wenn man das Buch gelesen hat, wird man trotzdem noch spenden wollen, aber man weiß sehr viel genauer, warum und wieso.

One Response to Mehr Bücher

  1. Auf dem Buecherbasar Ihres Vertrauens
    http://www.perlentaucher.de/buch/30455.html
    im Tausch gegen
    The Cambridge History of Southeast Asia

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