Nachruf

Ich konnte offen gestanden mit dem Talkshow- und Bestseller-Menschen Scholl-Latour in den vergangenen Jahren wenig anfangen. Die meisten seiner Thesen erschienen mir arg verkürzt, und auch ein wenig großspurig hingeworfen mit dem Gestus dessen, der sowieso mehr erlebt hat, als alle anderen, und damit automatisch im Recht sein muss.

Das ändert allerdings überhaupt nichts an der Tatsache, dass ich „Der Tod im Reisfeld“ nach wie vor für ein beeindruckendes Buch halte. Wobei auch hier schon in Ansätzen der Scholl-Latour durchschimmert, der mich bei seinen vergangenen Fernseh-Auftritten vielleicht eher mit der Stirn runzeln ließ. Anders gesagt: Was mich an seinem Vietnam-Buch beeindruckt, ist weniger eine analytische Schärfe. Die konnte es damals, mitten im Krieg, auch noch gar nicht geben. Wer mittendrin ist, hat selten den Überblick. Wie auch? Viele Zusammenhänge und Verwicklungen und politischen Manöver und Motive wurden sowieso erst Jahre später klar.

Was mich an dem Buch beeindruckt hat, und wofür Peter Scholl-Latour aus meiner Sicht auch damals stand und bis heute steht, ist der unbändige Wille des Reporters, sich mitten ins Getümmel zu stürzen, und einfach zu schreiben, und vor allem: zu beschreiben. Die Szenen, in denen er aus einem Hubschrauber berichtet oder einfach mitten aufs Land fährt, um sich dort unter Einheimische zu mischen, sind klassische Reportage im besten Sinne. Reportage soll nicht analysieren, sie soll erzählen. Und um erzählen zu können, braucht sie Stoff. Scholl-Latour war Meister darin, sich diesen Stoff zu besorgen. Selbst in seinen späteren Büchern schimmert immer wieder durch, wie er sich noch als 70-Jähriger in Jeeps setzte, um durch irgendwelche Wüsten zu fahren, einfach nur um vor Ort zu sein.

Leider ist er in Zeiten eingesparter Korrespondentenbüros und Schnell-schnell-Berichten, in denen nur sehr langsam wieder Gruppen und Projekte auftauchen, die „die Reportage“ wiederbeleben wollen (meist über Ideen wie Crowdfunding oder unabhängige Zusammenschlüsse von freien Journalisten), damit auch ein Relikt einer Welt, in der man tatsächlich noch die Zeit und das Geld hatte, als Journalist in den vietnamesischen Dschungel zu fahren.

In diesem Sinne ziehe ich tief meinen Hut. Meinen Reisstrohhut.

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