Denkmal zu Lebzeiten

Die Hanoier Long-Bien-Brücke war 1902 die allererste Brücke über den Roten Fluss. Zuvor hatte kein vietnamesischer Herrscher jemals gewagt, eine Brücke zu bauen. Zum einen sicherlich aufgrund der architektonischen Herausforderung (wir reden hier von einer Länge von etwa zwei Kilometern), zum anderen, weil es hieß, der Rote Fluss sei viel zu heilig, um dort Brückenpfeiler hinein zu rammen. Die Legenden besagten sogar, im Fluss lebe ein heiliger Drache, den man auf gar keinen Fall stören wollte.

Wie um ein für alle Mal zu beweisen, dass Vietnam in ihren Augen rückständig und abergläubisch war, taten die Franzosen nach ihrer Ankunft deswegen genau das: Sie rammten die Pfeiler der Eisenbahn-Brücke sozusagen in das Herz des Drachens. Die Brücke war ein ziemlicher wichtiger Baustein der modernen Infrastruktur, denn sie verband Hanoi von da an per Eisenbahn mit dem Industrie-Hafen Haiphong. Benannt wurde sie nach dem französischen Generalgouverneur Paul Doumer. Ihren heutigen Namen Long-Bien-Brücke erhielt sie erst nach dem Sieg über die Franzosen (so wie im Übrigen fast alle ehemaligen französischen Namen für Straßen, Plätze und Gebäude in Hanoi umbenannt wurden). Bis in die 80er Jahre blieb sie übrigens die einzige Brücke über den Roten Fluss.

Das alles lässt sich in den meisten sinnvollen Reiseführern nachlesen, und war mir auch schon bekannt. Was ich aber erst gestern zum ersten Mal dabei gemerkt habe: Generalgouverneur Paul Doumer war noch im Amt, als die Brücke nach ihm benannt wurde.

Der Posten des Generalgouverneurs war zur französischen Kolonialzeit im Grunde der oberste Regierungschef. Anfangs noch versteckt, da neben der französischen Regierung ja auch noch das vietnamesische Königshaus existierte, später aber wurde immer offener am alten vietnamesischen Staat vorbei regiert, schließlich irgendwann auch die gesamte Finanz- und Gesetzeskontrolle an sich gezogen.

Doumer selbst ist dabei eine relativ herausragende Figur, er regierte um die Jahrhundertwende von 1897 bis 1902, und machte sich als großer Umgestalter der Kolonie einen Namen. Er stärkte und straffte Verwaltung und Finanzen, gründete einige zentralen Ministerien und eröffnete in Vietnam eine eigene französische Schule zur Verwaltungsausbildung (ein schwerer Schlag gegen die alte, klassische Mandarinats-Ausbildung). Zum Ende seiner Amtszeit als Generalgouverneur werden sich die Steuereinnahmen des vietnamesischen Staates gegenüber der Dynastie-Zeit verzehnfacht haben. Was allerdings auch daran liegt, dass man der einfachen Bevölkerung sehr hohe Steuern für Salz und Alkohol aufzwängte. Sowie auf Opium, was aber weniger die Vietnamesen betraf, als die reichen chinesischen Händler im Land.

1931 wurde Doumer sogar noch als Krönung seiner Laufbahn in Frankreich zum Staatspräsidenten gewählt (Wahlgegner war ein gewisser Aristide Briand, dessen Namen deutsche Gymnasiasten immer lernen müssen, weil er zusammen mit Gustav Stresemann einen norwegischen Preis bekommen hat). Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Doumer ist nebenbei bemerkt ein wunderschönes Beispiel dafür, dass französische Kolonialgeschichte in Deutschland fast nichtexistent ist. Kein Wunder, dass die meisten Deutschen denken, Ho Chi Minhs herausragendste Leistung sei sein Kampf gegen die USA oder seine Unterstützung deutscher Studentenrevolten gewesen.

Wie auch immer. Dass die Kolonie eine Brücke nach einem ihrer tüchtigsten Verwalter und späteren Präsidenten benennt, wäre jetzt nicht ungewöhnlich. Dass ein Verwalter die Brücke gewissermaßen noch zu Amtszeiten gleich selbst nach ihm benennt, ist zumindest auffällig. Sowas erwartet man dann doch eher von Herrschern wie Kim Jong Il. Selbst die Pariser „Bilbliothek Francois Mitterand“ existiert nur als U-Bahn-Haltestelle, und heißt ansonsten Nationalbibliothek.

Heute versprüht die Brücke mit ihrem rostigen Eisen übrigens einen herben Großstadt-Charme und ist ein sehr beliebtes Motiv für Hochzeitsfotos. (Zumindest bei denjenigen Pärchen, die ein klein wenig wagemuter sind, als sich immer wieder vor denselben verkitschten Park-Motiven ablichten zu lassen). Die Amerikaner hatten im Krieg mehrmals versucht, die Brücke zu zerstören, was aber nie ganz gelang.

Vielleicht wacht ja tatsächlich ein Drache über die Brücke. Gewisse Ähnlichkeiten kann die gezackte Stahl-Konstruktion jedenfalls nicht verhehlen.

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