Der Beginn der Kolonialzeit

Die Eroberung Vietnams beginnt 1857.

Rund ein Vierteljahrundert zuvor hat der vietnamesische Kaiser Minh Mang mit der Christenverfolgung begonnen. Bis dahin hatte sich die Mission im Land ungehindert ausbreiten können, und wurde teilweise sogar von vietnamesischen Kaisern unterstützt. Aus Sicht der katholischen Kirche war Vietnam das erfolgreichste asiatische Projekt nach den Philippinen: Etwa drei bis fünf Prozent der Vietnamesen waren Christen.

Diese aber wurden in den 30er und 40er Jahren plötzlich zu tausenden hingerichtet. Die Lage eskalierte: Je energischer die Regierung gegen Christen vorging, desto eifernder wurden die Missionare. Im Schicksalsjahr 1857 ließ Vietnam schließlich einen spanischen Bischof enthaupten.

Die Hinrichtung wird gleichzeitig Grund und Vorwand für einen Militärangriff auf Vietnam. Wie oft in solchen Fällen handelt es sich um ein verworrenes Knäuel von Gründen, bei denen nicht ganz klar ist, was wie wen beeinflusst hat, und es letztlich müßig ist, nach „dem Grund“ für einen Krieg zu suchen. So viel sei gesagt: Frankreich war Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als ein Kirchenstaat. Im Gegenteil, das Christentum war längst selbst in die Defensive geraten, aber gerade das war sicherlich ein Grund, warum man sich umso verbissener an die Schauplätze außerhalb Europas klammerte. Die Kolonialisation wurde sicherlich von der Kirche beeinflusst. Sie wurde aber nicht von ihr gesteuert.

Manche sehen in der französischen Marine die eigentliche treibende Kraft.

Nun erinnern sich viele Deutsche an die berühmten deutschen Schiffsbauprogramme vor dem Ersten Weltkrieg, weniger bekannt sein dürfte vermutlich, dass einige Jahrzehnte zuvor Frankreich ähnliche Programme augelegt hatte, um mit England gleichzuziehen. Und rein von der Zahl der Schiffe war das 1870 sogar der Fall.

Für die Marine war Vietnam aus drei Gründen interessant. Erstens ging es ganz banal um die Kohle-Vorräte in Nordvietnam. Die Gegend in der Nähe des heutigen Industriehafens Haiphong ist bis heute das wichtigste Kohle-Gebiet für Vietnam, etwa 90 Prozent der vietnamesischen Kohle wird hier gefördert. Zweitens erhoffte man sich im kolonialen Wettrennen mit England, ein „eigenes Hongkong“ aufzubauen; einen maritimen Knotenpunkt für den Seehandel und das Militär. Dafür schien die aufstrebende Händlerstadt Saigon wie geschaffen. Die hatte zwar gute 100 Jahre zuvor noch mehr oder weniger aus Sumpf bestanden, war aber in den vergangenen Jahrzehnten zum wichtigsten Exporthafen Vietnams geworden.

Der dritte Grund erscheint aus heutiger Sicht etwas merkwürdig: Man erhoffte sich einen Zugriff auf die vietnamesischen Matrosen. Denn es galt damals als wissenschaftlicher Konsens, dass nur Asiaten, Araber und Inder die hohen Temperaturen in den Maschinenräumen der Dampfschiffe aushalten können, erst recht, wenn die Schiffe dabei durch tropische Gewässer fahren.

Klassische wirtschaftskoloniale Gründe hingegen finden sich anfangs kaum (sehen wir mal von oben erwähnten Kohlevorkommen ab). Viel mehr handelt es sich bei Frankreichs Interesse an Indochina wohl um einen kolonialen Reflex, der aus dem Zusammenhang der Zeit verstanden werden muss: Die gesamte europäische Staatenwelt schwärmte damals vom chinesischen Markt. Was wieder einmal beweist, dass sich Geschichte wiederholt. Frankreich aber war in Asien ein Zuspätgekommener, britische Schiffe kreuzten schon längst vor der chinesischen Ostküste, und kontrollierten wichtige Knotenpunkte wie Hongkong oder Singapur.

Um den chinesischen Markt zu erreichen bot sich deswegen Vietnam an. Verbunden mit der Hoffnung, dass der Rote Fluss oder der Mekong irgendwie bis nach China hinein schiffbar sind.

1873 erkannten französische Entdecker, dass das leider Trugschlüsse waren: Über den Roten Fluss ließ sich das Hinterland Chinas nicht erreichen, zumindest nicht mit Handelsschiffen. Das allerdings war eine Erkenntnis, die erst rund 25 Jahre nach dem kolonialen Startschuss kam.

Zu dieser Zeit hatte Frankreich bereits sämtliche vietnamesischen Provinzen im Mekong-Delta unter seine Kontrolle gebracht, den vietnamesischen Hof von der Reisversorgung im Süden abgeschnitten, und eine Öffnung der mittel- und nordvietnamesischen Häfen erzwungen.

Der koloniale Konflikt war damit längst in seine zweite Phase eingetreten.

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