Das Ende einer Farce

Vergangene Woche war es endlich, endlich vollbracht. Nach sage und schreibe vier Jahren Abstimmungsmarathon steht die vietnamesische Halong-Bucht als einer der sieben Gewinner des New7Wonders-Wettbewerbs fest. Sie darf sich deshalb künftig mit dem Titel „New7Wonder of Nature“ schmücken. Das ist schön für die Halong-Bucht und bringt vielleicht auch die eine oder andere Aufmerksamkeit ein. Nicht mehr schön allerdings war, wie die Abstimmung in den vergangenen vier Jahren in Vietnam zum wichtigsten Ereignis des Jahrhunderts hochstilisiert wurde.

Fangen wir mit einer grundlegenden Frage an: Wer ist eigentlich dieses „New7Wonder“-Organisation? Zunächst einmal nichts anderes als eine private Stiftung, die eine Abstimmung organisiert. 2007 machte die Stiftung bereits auf sich aufmerksam, als sie mit großem Pomp die „Neuen Sieben Weltwunder“ küren wollte (da von den alten der Antike bekanntlich nur noch ein einziges steht). Die Unesco distanzierte sich damals von der Aktion und erklärte, weder sei die Abstimmung irgendwie annähernd wissenschaftlich, noch verfolge die Stiftung damit das Ziel der Erforschung oder Bewahrung. Stattdessen ging es allerdings um sehr viel Geld, denn jeder Anruf bei der Telefonabstimmung kostete Gebühren.

Kurz gesagt, es könnte morgen eine neue Gruppe eine neue Abstimmung einleiten, und dann gäbe es eben sieben andere Weltwunder. So wie das ja in der Vergangenheit auch immer wieder der Fall war, wenn Zeitschriften, Fernsehsender oder sonstige Publikationen flugs mal die „Sieben schönsten…“ oder „Sieben spektakulärsten…“ irgendwas gekürt haben. Jeder hat da eben seine eigenen Kriterien und Methoden. Selbstverständlich kann man jedes Auswahlverfahren irgendwie anzweifeln, auch die Verfahren der Unesco. Die gibt allerdings auch nicht vor, irgend etwas anderes küren zu wollen als „Unesco-Weltkulturerbe“.

Und hier genau liegt der Knackpunkt: Die New7Wonders-Stiftung vergibt streng genommen eben auch nichts anderes als den Titel „New7Wonder of Nature“. Der in etwa so aussagekräftig ist wie, sagen wir, der Titel „Ngungon-Naturwunder“. Nur haben die Leute von New7Wonders die deutlich größere Werbemaschine als diese Webseite hier, und ihr Titel suggeriert, dass es sich um einen höchst offiziellen Titel „Weltnaturwunder“ handelt.

Eine Suggestion, auf die Vietnam nur allzu gerne angesprungen ist. Ich weiß nicht ganz, inwieweit das von einigen Stellen schlicht Taktik war (siehe oben: Der touristische Werbeeffekt ist natürlich nicht zu unterschätzen und sei der Halongbucht auch von Herzen gegönnt). Meine mulmige Vermutung ist allerdings, dass viele Politiker, Journalisten und selbst Wissenschaftler hierzulande niemals gemerkt haben, dass sie letztlich einer privaten Stiftung und ihrer Werbemaschine auf den Leim gehen. Vielleicht wollten sie es auch gar nicht merken, denn wenn Ruhm, Ehre und Sieg locken, dann schaut man nicht so genau hin, wer da eigentlich den Lorbeerkranz überreicht.

Kurz gesagt, die Abstimmung zur Halongbucht wurde in Vietnam zu nichts geringerem erklärt als zur „patriotischen Pflicht für jeden Vietnamesen“. Der Begriff tauchte in unzähligen Reden auf. Vietnamesen, die nicht per SMS oder im Internet abstimmen, waren sozusagen Vaterlandsverräter. Regierung und Behörden schmissen ihrerseits eine Werbe-Maschinerie in Gang, die dazu führte, dass man selbst in entlegenen Winkeln von vietnamesischen Bergdörfern noch Zettel mit Aufrufen zum Abstimmen finden konnte. Inklusive einer detaillierten Beschreibung, wo genau man klicken muss, weil die Behörden offenbar davon ausgingen, dass keiner der örtlichen Bewohner genug Englisch spricht, um die Webseite zu verstehen. Macht aber auch nichts, Hauptsache „Halong-Bucht“ angeklickt.

Und hier stoßen wir auf die nächste Besonderheit der ganzen Angelegenheit: Ganz allgemein sind Doppelabstimmungen bei Online-Wahlen ja schwer zu kontrollieren, und meist auch irgendwie zu umgehen, aber New7Wonders machte nie einen Hehl daraus, dass freilich jeder so oft abstimmen könne, wie er wolle. Warum auch, bringt bei den SMS-Abstimmungen schließlich ja sogar noch Geld in die Kasse.

Ich will gar nicht wissen, was nach vier Jahren Abstimmungsmarathon am Ende für Stimmenzahlen zusammenkamen. Sie sind sicherlich höchst beeindruckend. Mindestens so beeindruckend, wie das vietnamesische Medien-Getöse endlose vier Jahre lang ermüdend war. „Demokratisch“ oder „repräsentativ“ in irgend einem irgendwie gearteten Sinn macht das die Stimmen freilich noch lange nicht.

Ein kurzer Blick auf die sieben Gewinner fördert dann auch erstaunliches zutage. Gewonnen haben neben Halong eine koreanische Insel, eine indonesische Insel, ein philippinischer Unterseefluss, ein südamerikanischer Wasserfall, der Tafelberg in Südafrika und der Amazonas. Kurz gesagt: Die Gewinner sind fast ausschließlich Orte in Schwellenländern mit sehr hohen Bevölkerungszahlen. Länder also, von denen man vermuten kann, dass sie besonders scharf auf den touristischen Werbe-Effekt sind, und die andererseits auch die Logistik besitzen, um ihre Bevölkerung in Scharen zur Wahl aufzurufen.

Orte aus Industrieländern (gut, ob der ebenfalls nominierte Schwarzwald tatsächlich eines der größten Weltnaturwunder ist sei dahingestellt, aber was ist mit dem Grand Canyon?) fehlen ebenso wie Orte aus armen Ländern mit wenig Bevölkerung (Malediven, Kilimanjaro und Galapagos-Inseln hatten es immerhin unter die 28 Finalisten geschafft).

Für mich aber am Verblüffendsten: Das Great Barriere Reef hat es nicht unter die sieben Gewinner geschafft. Ich will der koreanischen Insel Jeju und dem philippinischen Puerto Princesa Fluss nicht zu nahe treten, aber meine Vermutung ist, wenn man die 28 Finalisten weltweit einem Publikum vorgelegt hätte, dann hätten beide eher für Fragezeichen gesorgt. Angesichts der Abstimmung in Vietnam lautet mein Verdacht daher, dass viele der Abstimmenden eben nicht ihre sieben Favoriten ausgewählt, sondern einfach nur stur für ihr nationales Wunder abgestimmt haben. Der Lerneffekt während des Wahlprozesses hielt sich also wohl in Grenzen, ebenso wie die Aussagekraft einer „weltweiten“ Abstimmung.

Wie auch immer: Es ist vollbracht. Halong ist der Gewinner, darf sich künftig „eines der sieben Weltnaturwunder“ nennen (interessanterweise nutzen die vietnamesischen Medien auffallend häufig eine Übersetzung des englischen Titels und schreiben „eines der neuen sieben Weltnaturwunder“, obwohl es nie irgendwelche antiken Naturwunder gegeben hat). Der Patriotismus in Vietnam ist gerettet und die Nation auch. Und die Medien können sich endlich wieder wichtigeren Themen widmen.

Die New7Wonders-Stiftung hat übrigens noch nicht genug. Als nächstes wollen sie die sieben wundervollsten Städte küren. Offenbar hat da jemand eine funktionierende Geschäftsidee entdeckt…

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