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Erst Benehmen, dann Wissenschaft

Mit Schulsprichwörtern ist das ja so eine Sache. Das bekannteste deutsche Schulsprichwort ist bekanntlich verdreht. „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, hat Seneca niemals geschrieben, sondern sich in seinem Text spitzzüngig ereifert, dass das Gegenteil der Fall sei: Die Zeitgenossen verschwendeten ihr Denken an überflüssigen Fragen, und daraus folge „non vitae, sed scholae discimus“ – nicht für das Leben, nur für die Schule lernen wir.

Eines der bekanntesten vietnamesischen Schulsprichwörter lautet: „Tiên hoc lê, hâu hoc van.“ (Wie immer lässt mich WordPress leider bei den vietnamesischen Tonzeichen im Stich, deswegen hier die simplifizierte Schreibweise). Frei übersetzt: Erst musst du Benehmen lernen, bevor du Wissenschaft lernen kannst. Gemeint ist damit: Wer ein guter Schüler sein will, muss zunächst lernen, Autoritäten wie Lehrer und Eltern zu respektieren, muss fleißig und gehorsam im Unterricht sein, muss „moralisch“ einwandfrei sein, bevor er hoffen kann, irgend etwas vom Fachlichen mitzubekommen und zu verstehen. Der Satz fand sich früher groß an zahlreichen Schulwänden gemalt und kann bis heute noch immer an manchen Schulen besichtigt werden.

Es ist einerseits interessant, wie ähnlich und unterschiedlich die Sicht auf Schule in verschiedenen Kulturen sein kann (beziehungsweise die Punkte, auf die so viel Wert gelegt wird, dass daraus Sprichwörter entstehen). Im vietnamesischen Fall überlappen sich übrigens, wie so häufig, zwei kulturell-historische Linien: Zum einen das chinesisch-konfuzianische Erbe, in dem Wert auf das korrekte Verhalten gegenüber Älteren und Respektspersonen gelegt wird, und die deutlich jüngere Idee von der „sozialistischen Moral(ität)“ die als charakterliche Grundlage für die Entwicklung des Staates werden sollte, oder wie es Ho Chi Minh ausdrückte: „Um den Sozialismus aufzubauen, brauchen wir zunächst einmal Sozialisten.“ Seit dem Aufbau des modernen vietnamesischen Schulsystems stand deswegen stark im Vordergrund, die Schüler mit den angemessenen moralischen und erzieherischen Werten und Qualifikationen auszustatten, bis hin zu Schulstunden, in denen bereits in der Grundschule „Moral“ gelehrt wurde. Dass besagtes Sprichwort also auch im 21. Jahrhundert an Schulwänden zu sehen ist, hat möglicherweise doch etwas mehr mit der jüngeren Vergangenheit zu tun, als mit konfuzianistischen Lehridealen.

Nun sind Sprichwörter das eine, und die Realität ist manchmal das andere. Deutsche Schulen sind, trotz Senecas (verdrehtem) Sprichwort nicht zwangsläufig Orte, an denen stündlich wichtiger Stoff für das Leben gelernt wird. Umgekehrt sind vietnamesische Schulen trotz des Sprichworts nicht zwangsläufig Stätten guten Benehmens. Der Ethnologe Paul Horton von der schwedischen Linköping Universität hat in seiner mehr als 200 Seiten starken Dissertation (2011) ausführliche Fallstudien über zwei 9. Klassen in Haiphong präsentiert, und dabei Mobbing in der Schule untersucht (es gehört zu den Seltsamkeiten von Sprachentwicklung, dass das englisch geläufige Wort „bullying“ im Deutschen mit dem Anglizismus „Mobbing“ übersetzt wird). Ergebnis: 50-60 Prozent aller von ihm befragten Schüler gaben an, mindestens einmal in der Woche Schikane in der Schule zu erleben. Eine im internationalen Vergleich extrem hohe Zahl. Wobei es Horton nicht auf Statistik und Zahlen ankommt, sondern er (wie gesagt: Ethnologe) untersuchen will, wie Mobbing überhaupt zustande kommt und auf welcher Basis Gewalt, Aggression und Schikane beruhen. Oder wie er es ausdrückt: Wenn eine hohe Zahl an Schülern ein bestimmtes Benehmen zeigt, dann spräche das eigentlich dafür, dass diese Schüler nicht etwa böse, gemein und besonders abartig, sondern im Gegenteil eher „normal“ sind. Die Frage muss also eher lauten, wieso völlig normale Kinder in großer Menge zu solch einem Verhalten neigen. Horton wirft dafür ein Auge auf Machtstrukturen innerhalb der Schule, zwischen Schülern und Schülern, aber auch zwischen Schülern und Lehrern.

Die vollständige Dissertation ist hier als PDF herunterzuladen [PDF] Sie ermöglicht, neben dem umfassenden, spannenden Thema, eine ganze Menge an kleineren interessanten Details, auf die ich möglicherweise in den kommenden Tagen noch mal kurz Schlaglichter werfen werde.

Wir wollen hier ja schließlich etwas für das Leben lernen.

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