Alles schwarz

Ich bin kein großer Fernsehschauer, aber beim zufälligen Durchzappen durch die Sender fällt auf, dass die Hälfte schwarz ist. Von heute Mittag, 12 Uhr, bis Sonntag, 12 Uhr, ist Staatstrauer für den vor einer Woche verstorbenen General Vo Nguyen Giap angeordnet. Das schließt mit ein, dass die Fernsehsender keine „Unterhaltung“ zeigen dürfen. Folgerichtig ist zum Beispiel auch MTV Vietnam schwarz.

Einige Kultureinrichtungen sind von dem Volkstrauertag(en) kalt erwischt worden. Es gibt das eine oder andere Kulturinstitut, das für das Wochenende Musikgruppen oder Künstler aus dem Ausland für Veranstaltungen eingeladen hatte. Die Künstler reisen jetzt zwar trotzdem an (oder sind schon angereist), aber auftreten können sie nicht.

Vo Nguyen Giap (gesprochen: „Sap“) war am vergangenen Freitag im hohen Alter von 102 Jahren (in Vietnam wegen unterschiedlicher Zählung sogar: 103 Jahren) verstorben. Er war vor allem bekannt geworden durch seine Rolle als militärischer Lenker und Denker im Befreiungskrieg gegen die Franzosen. Anschließend war er für Jahrzehnte in der vietnamesischen Politik aktiv, gehörte jedoch seit den 60er Jahren einer Gruppe von Politikern an, die machtpolitisch stark ins Abseits gestellt wurden (grob vereinfacht lässt sich der politische Meinungskampf von damals in ein „sowjetisches“ Lager und ein „chinesisches“ Lager einteilen; das erstere stand für mehr Internationalität und größere kulturelle Freiheit, die zweite verfocht eine radikalere Politik, auch und gerade im Umgang mit Südvietnam, und warf den „sowjetisch“ beeinflussten Politikern Revisionismus vor; näheres dazu in diesem Buch [pdf]). Er zog sich allerdings nie völlig aus der Politik zurück, und war noch bis vor wenigen Jahren ein ständiger Mahner und kritischer Zeitgeist der Verhältnisse. Sein Bild ist bis heute vor allem das des letzten Politikers einer „alten Schule“, der für Unkorrumpierbarkeit und standfeste Meinung steht.

Die Anteilnahme der Bevölkerung am Tod dieses Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche war überwältigend: Seit Tagen bilden sich lange Schlangen vor Giaps Wohnhaus, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Mit „lang“ meine ich: Mehrere Straßenblöcke entlang.

Am Samstag findet im nationalen Begräbnishaus eine letzte Feier für ihn statt, bevor der Leichnam in seinen Heimatort überführt wird. Das Haus ist gleich um die Ecke von meiner Wohnung, vermutlich wird es weiträumige Straßensperren und Menschenaufläufe geben (und Prozessionen von Militärfahrzeugen).

Könnte also sein, dass an diesem Wochenende in Vietnam sowieso niemand zu Hause ist, um Unterhaltungsfernsehen zu schauen.

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