19. August

Vor 63 Jahren waren in Vietnam ein paar Dinge ähnlich wie heute. Beispielsweise litt das Land unter Inflation. Vietnam hatte nicht nur mehrere Jahrzehnte Kolonialzeit hinter sich, sondern auch noch einige Jahre Kriegsbesatzung durch die Japaner, die Vietnam als Rohstoff- und Nahrungsmittelbasis missbraucht hatten, und tonnenweise Lebensmittel nach Japan verschifften. Verständlicherweise stand es um die Währung nicht zum Besten. Und es gab starken Sommerregen.

Allerdings hatten die Japaner ein paar Tage zuvor kapituliert. Die Atombomben waren auf Hiroshima und Nagasaki gefallen, und der Pazifik-Krieg war zu Ende. In Hanoi herrschte die konfuse Stimmung eines Machtvakuums. Die Japaner waren am Ende, die Franzosen durch die Japaner entmachtet, und die alte vietnamesische Kaiserregierung unentschlossen, und durch die vergangenen Ereignisse (unter anderem ihre Kollaboration) stark diskreditiert. Keiner wollte oder konnte so recht die Macht übernehmen, und man behalf sich mit Versammlungen oder Komitees, die ausloten und diskutieren sollten, welcher Weg nun offen stand.

Es war der Moment, in dem die von Ho Chi Minh gegründete Vietminh als einzige politische Partei aktiv reagierte. Am 18. August drangen Demonstranten in die Hanoier Oper ein, wo gerade eines der Komitees über die Zukunft der provisorischen Regierung diskutierte. Sie hissten vom Balkon zum ersten Mal die heute gut bekannte rote Flagge mit dem gelben Stern und riefen die Bevölkerung zum Aufstand auf. Durch heftigen Sommerregen marschierten anschließend große Gruppen von erregten Demonstranten ziellos durch das Viertel.

Erst am darauffolgenden Tag wurde die Sache zielgerichtet. Abermals wurde die Flagge an der Oper gehisst, während eine Musikgruppe die Melodie spielte, die künftig die neue Nationalhymne werden sollte. Dann marschierten die Aufständischen auf die neuralgischen Punkte der Stadtverwaltung, und besetzen sie: Unter anderem die Polizei, das Gefängnis und den Palast des kaiserlichen Gesandten (der Kaiserhof selbst war schon seit einigen Generationen in Hue in Mittelvietnam). Es gab keinerlei Widerstand, denn es gab keine geordnete Kraft in der Stadt, die Widerstand hätte leisten können. Ein unblutiger Putsch in Hanoi läutete die Herrschaft des Vietminh und damit später der kommunistischen Partei in Vietnam ein. Auch wenn die ganze Angelegenheit, wie wir wissen, nicht unblutig blieb, und es noch ein langer Weg bleiben sollte, bis der vietnamesische Staat sich tatsächlich unabhängig nennen konnte.

Vietnam feiert den 19. August als „Augustrevolution“, und der Tag bildet den Auftakt für eine Reihe von Gedenktagen bis hin zum Nationalfeiertag am 2. September, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung.

Die Zeitungen feiern den Tag ebenfalls ausführlich mit Leitartikeln, allerdings herrscht die Tendenz vor, das eigentlich äußerst spannende Ereignis in Floskeln zu ertränken und zu versuchen, Verbindungslinien quer durch die Geschichte zu ziehen. Unter anderem von den Tagen damals zum Beitritt der WTO heute. Ich hab diese Verbingung nicht ganz verstanden, außer dass es beides Mal um Vietnam geht. Aber vielleicht war es ja auch genau das. Die Verbindung zum Sommerregen fiel jedenfalls niemandem ein.

4 Responses to 19. August

  1. Martin says:

    Sehr interessant, wieder was dazugelernt…
    m

  2. Dom says:

    Ich schließe mich dem Lob an, Hochachtung für den interessanten Beitrag!

  3. RC says:

    Pour t’aider à mieux comprendre ce qui c’est passé depuis cet été pluvieux en 1945, je te joins volontiers une vingtaine de pages écrites sur les évènements politiques qui ont conduits jusqu’au 11 octobre 1954 à l’occupation de Hanoi par le VM, et ce, après le départ des troupes francaises du Tonkin.
    Il serait peut-être interessant pour tes lecteurs que tu précises plus exactement l’année du 2 septembre.
    ;=))
    Tu sais que j’ai quitté Haiphong en

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