Das was-nicht-genannt-werden-darf

Vor einigen Wochen wurde in einer vietnamesischen Zeitung ein Sexualwissenschaftler zum Thema Aufklärung in der Schule interviewt. Anlass war offenbar ein „Skandal“ über Comics mit erotischen Zeichungen aus Japan, die in Vietnam publiziert worden waren. Wie explizit diese Zeichnungen waren, kann ich nicht beurteilen, ich habe sie nicht gesehen. (Japanische Comics können zugegebenermaßen sehr explizit sein.) Sie entfachten aber eine Diskussion über Sexualität und Moral. Und der allgemeine Tenor war: Sexuelle Darstellungen dürfen auf keinen Fall unsere Jugendlichen verderben.

Das Interview drückte deutlich aus, wie sehr sich Vietnam mit diesem Thema schwer tut. Der Wissenschaftler plädierte einerseits für mehr Aufklärung an den Schulen. Dazu gibt es guten Grund, denn Vietnam ist selbst nach Aussage vietnamesischer Behörden weltweit das Land mit den drittmeisten Abtreibungen. 1,2 bis 1,6 Millionen Abtreibungen pro Jahr, davon ein Viertel von minderjährigen Müttern. Naheliegender Grund: Zu wenig Aufklärung an der Schule, und zu viele Tabus rund um das Thema. Dementsprechen gewunden fiel auch die Antwort des Wissenschaftlers aus. „Leider, leider“, sagte er, „interessieren sich die Schüler nicht dafür, wenn wir anhand von Hühnern und Enten im Biologie-Unterricht die Sexualität erklären.“ Man konnte dabei ein wenig hilflose Verzweiflung aus seinen Worten lesen. Ja, wieso, verdammt noch mal, hören die Schüler nicht hin, wenn ihnen der Lehrer erklärt, wie es die Enten treiben?

Im nächsten Satz mahnte dann der Wissenschaftler an die Verantwortung der Eltern. Sie müssten mit ihren Kindern mehr über das Thema reden. „Sie müssen ihren Kindern erklären, dass Männer stark und verantwortungsvoll sein sollten, und Frauen hübsch und sanft.“ Das stand da allen Ernstes.

Inwieweit sich die Rate der Teenager-Schwangerschaften senken lässt, wenn man Jungs erklärt, dass sie stark sein müssen, und Mädchen, dass sie hübsch sind, blieb dann allerdings das Geheimnis des Wissenschaftlers.

Dabei ist Sexualität an sich überhaupt kein Tabu-Thema in Vietnam. Was jetzt gerade wieder gut zu beobachten ist, es hat nämlich die Hochzeits-Saison begonnen, und das bedeutet, dass sich mehrmals in der Woche mehrere hundert teilweise fremde Menschen auf Feiern versammeln. Das Gesprächsthema? Sex. Oder zumindest sexuelle Witze und Anspielungen. Wenn ich jetzt Freud wäre, würde ich spekulieren, dass die Erwachsenen da etwas nachholen, was ihnen als Jugendliche verwehrt blieb. Denn das ist der springende Punkt: Sexuelle Witze (nach der Heirat) – kein Problem, Verhütungsmittel (nach dem zweiten Kind) – kein Problem. Aber Jugendliche und erotische Gedanken vor der Heirat? Wo kämen wir denn da hin?

Die Zeitung Thanh Nhien veröffentlichte Anfang der Woche einen Artikel zum vierten Jahrestag eines Kinderfriedhofs im mittelvietnamesischen Hochland (das wegen seiner schwachen Infrastruktur besonders für alle möglichen Probleme rund um Armut und fehlende Bildung bekannt ist). Die Freiwilligen, die dort den Friedhof betreuen, haben allein in vier Jahren 10.000 Kindergräbe angelegt. Manchmal seien 10 Kinder oder Föten pro Tag zum Friedhof gebracht worden. Ein vietnamesisches Forschungszentrum hat unlängst festgestellt, dass 15 Prozent aller vietnamesischen Frauen mindestens einmal schwanger waren, noch bevor sie das 20. Lebensjahr erreicht haben.

4 Responses to Das was-nicht-genannt-werden-darf

  1. Martin L says:

    Och, ich find das mit den Enten aber schon sehr wichtig :-)
    Sind denn Abtreibungen in Vietnam erlaubt, oder stehen sie vielleicht sogar unter strafe (Mal abgesehen davon, dass frau, wenns publik wird, wahrscheinlich schon genug gestraft ist…)?

  2. Thorsten says:

    Holen sich die vietnamesischen Kids die Infos (und noch viel mehr) aus dem Internet? Oder sind solche Seiten in Vietnam gesperrt?
    In Deutschland denke ich immer: gut, dass ich in einer Zeit VOR dem Internet großgeworden bin. Für uns war es noch echt schwer, mal an einen Playboy zu kommen. Das war dann schon extrem aufregend.
    Aber die Kids heute? Die werden doch im Internet mit Sachen konfrontiert, die sie überhaupt noch nicht verarbeiten können… :-o

  3. dom says:

    respekt, dass du als ausländer diese doppeldeutigen witze halbwegs verstehst und danke für den wieder interessanten beitrag!

  4. ngungon says:

    Abtreibungen sind prinzipiell erlaubt, wobei ich nicht weiß, bis zu welchem Monat. Was die Internet-Schwemme von Sexualthemen angeht… schwer zu sagen. Einerseits ist die Zahl der Internet-Nutzer hier extrem hoch, andererseits haben viele Familien noch immer keinen Rechner zu Hause stehen.

    Die Kinder und Jugendlichen sind deswegen also überwiegend in Internet-Cafés zu finden, die es hier wie Sand am Meer gibt, und spielen und chatten dort. In einem so öffentlichen Raum auf „Schmuddelseiten“ herumzusurfen erfordert dann natürlich schon eine gewisse Chuzpe.

    Ansonsten ist der gesamte Alltag hier deutlich weniger „erotisiert“. Es gibt keine halbnackten Menschen auf Titelseiten, auch nicht als „Themenbilder“ für irgend ein Medizin-Thema, wie es deutsche Magazine gerne mal machen. Es gibt keine Erotik in Werbe-Clips, in Musik-Videos, etc. Und den Playboy gibt es natürlich auch nicht.

    Gleichzeitig sorgte ja vergangenes Jahr ein unfreiwillig veröffentlichtes Handy-Sex-Video von einem TV-Sternchen wochenlang für Aufregung, und wurde offenbar von unzähligen vietnamesischen Usern heruntergeladen und angesehen. Insofern wäre die Antwort wohl: Ja, das Internet ist ein Portal für solche Dinge.

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