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Vietnams Feuerwaffen

Europa war modern, Europa war wirtschaftlich mächtiger und Europa war technologisch fortschrittlicher, als der Rest der Welt, und deswegen konnte Europa die Welt kolonialisieren. Heißt es. Vor allem hatten die Europäer Feuerwaffen, und zwangen mit dieser überlegenen Erfindung die anderen Völker in die Knie.

Das ist so nicht ganz korrekt.

Auch Südostasien hatte Feuerwaffen. Mehr als das. 1631 notierte ein französischer Jesuit in Vietnam in seinen Aufzeichnungen:

„Die Cochin-Chinesen [die Vietnamesen] sind so geübt mit ihren Arkebusen und Kanonen, dass sie sogar die Europäer übertreffen. Tatsächlich tun sie wenig anderes, als den ganzen Tag zielen und schießen zu üben. Sie treffen mit ihrer Artillerie besser, als andere Völker mit ihren Arkebusen.“

Das war kein Einzelbericht. Britische Reisende erklärten der Bevölkerung zu Hause, dass die Vietnamesen womöglich die schnellsten Schützen der Welt seien, was das Laden und Schießen angeht. Vietnamesische Soldaten konnten eine Arkebuse in vier Zügen nachladen und feuern, während ein englischer Soldat um die gleiche Zeit etwa 20 Züge dafür benötigte.

Gehen wir also kurz einen Schritt zurück: Schießpulver und Feuerwaffen wurden von den Mongolen nach Indien, in die Islamische Welt und schließlich nach Europa weiterverbreitet. Den militärischen Nutzen aber erkannte vor allem Europa, sowie die Türken, die im 16. Jahrhundert für ihre Belagerungskanonen und Musketen bekannt waren.

Südostasien kannte die Feuerwaffen schon zuvor, aber erst die Europäer führten den Nutzen der neuen Technologie vor. Das führte schon im 16. Jahrhundert zu einem regen Interesse in Südostasien. Die Königshöfe warben europäische Spezialisten an, und gründeten selbst Gewehrschmieden. Begünstigt wurde dieses technologische Interesse, wie könnte es anders sein, durch Krieg. In besagtem 16. Jahrhundert lagen Burma und Ayutthaya (das spätere Thailand) im Dauer-Kampf, und in Vietnam bahnte sich bereits der Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden um die Vorherrschaft aus (dazu später mal mehr). Die heiße Kriegsphase dauerte von 1627 bis 1672 (etwa zur gleichen Zeit wie der veheerende Dreißigjährige Krieg in Europa, nur länger), und beide Seiten fingen an, ihre Heere mit Feuerwaffen auszurüsten.

Dabei setzte Vietnam, ähnlich wie die Europäer, auf kleine, bewegliche Kanonen. Im Gegensatz zu den Türken, die für große, monströse Belagerungskanonen bekannt waren. Eine solche vietnamesische Kanone (geschmiedet beispielsweise in Hué) war zwei Meter lang, und wurde auf den Rücken der Soldaten geschnallt. Da die Vietnamesen damals sicherlich nicht größer waren als heute, wohl eine ganz schöne Last. Ein zweiter Soldat musste den Sockel tragen, auf dem der Kanonenlauf dann später aufgebockt wurde, ebenfalls zwei Meter lang.

Als die südvietnamesischen Nguyen-Fürsten (eine der Parteien im Bürgerkrieg) 1678 um einen britischen Gewehrmacher baten, taten sie es offenbar nicht, um zu lernen, sondern um ihren Fortschritt mit Europa zu vergleichen. Immer wieder wird auch berichtet, dass vietnamesische Handelspartner Kanonen zurückgewiesen hätte, weil sie imstande gewesen seien, schlechte Verarbeitungen zu erkennen.

Südostasien, vor allem das Festland mit seinen drei streitenden Reichen Burma, Ayutthaya und Vietnam, war also seit dem 16./17. Jahrhundert ein Land mit Feuerwaffen. Wenn wir in dieser Zeit von Kriegen reden, beispielsweise beim berühmten Tayson-Sieg 1789 (auch dazu später mal mehr), müssen wir uns dazu Pulverdampf und Musketengeknalle vorstellen.

Und was war jetzt mit den Europäern? Die waren in der Tat nur 100 Jahre später trotzdem militärisch überlegen, weil der Fortschritt in Europa einen rasanten Aufschwung nahm, gerade zu einer Zeit, als beispielsweise in Vietnam eine Zeit der Restauration einsetzte. Überhaupt erwiesen sich die Konfuzianisten immer mehr als Bremsklötze, was Technik und Moderne anging.

Denn so perfekt Südostasien bei der Feuerwaffen-Herstellung war – sie kamen nie über das im 15. Jahrhundert moderne Luntenschloss heraus. Die Vorrichtung also, bei der mit Hilfe einer brennenden Lunte die Ladung entzündet wurde. Das war damals revolutionär, weil es einem Schützen erlaubte, die Waffe mit zwei Händen zu halten, und gleichzeitig noch zu zielen. Aber es ging natürlich noch besser. Beispielsweise war die Lunte wetteranfällig, und sie brauchte außerdem Vorbereitungszeit. Drehschlösser und Steinschlösser beseitigten diese Nachteile, später kamen Hinterlader-Gewehre und Patronen hinzu.

Das Problem: Bereits im 18. Jahrhundert wurden Steinschloss-Musketen in Europa in einer Art Massenanfertigung hergestellt. Wichtig war nicht mehr der einzelne Feuerwaffen-Schmied und Experte, wichtig wurden prä-industrielle Prozesse und Technik. Dinge, sie sich nicht dadurch imitieren ließen, dass man sich einen Europäer an den Hof holte. Sie hätten Eigenleistung verlangt. Die südostasiatischen Gesellschaften und Königshöfe konnten oder wollten diese Forschungsleistung aber nicht erbringen. Die Steinschlösser wurden in Vietnam zwar bewundert, aber niemals selbst reproduziert.

Stattdessen verließ man sich immer mehr darauf, schlicht Musketen aus Europa zu kaufen. Was für Europa wiederum eine wunderbare Gelegenheit war, veraltete Waffen nach Asien zu exportieren, wo sie immer noch moderner waren, als die Generation davor.

Als die Franzosen im 19. Jahrhundert mit modernen Gewehren in Vietnam auftauchten, die über 1000 Meter relativ zielgenau schießen konnten, hatte Südostasien das Technologie-Rennen längst verloren. Da half es dann leider auch nichts mehr, dass die Vietnamesen angeblich 200 Jahre zuvor die sichersten Arkebusen-Schützen gewesen sein sollen.

Es sollte dann noch einige Zeit dauern, bis Vietnam der Welt umgekehrt bewies, dass man auch technologisch unterlegen Kriege gewinnen kann.

One Response to Vietnams Feuerwaffen

  1. prinzregent says:

    wunderbarer Artikel.

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