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Feiertag, Tod und Hellseherei

Es ist der 2. September. Wieder einmal. Vietnam feiert heute seinen Nationalfeiertag, und damit die Unabhängigkeitserklärung 1945, die an dieser Stelle bereits ausführlich gewürdigt wurde. Ich habe in den vergangenen Tagen gleich mehrmals Ausländer getroffen, die sich auf eine pompöse Militärparade gefreut hatten. Da herrscht allerdings Fehlanzeige. Die Feiern finden hier ausgesprochen unspektakulär statt. Es werden zwar sehr viele staatstragende Reden gehalten, in denen Partei, Sozialismus und Staat betont werden (meist auch in dieser Reihenfolge), aber Paraden finden angeblich nur etwa alle fünf Jahre mal statt. Seit ich hier bin, habe ich noch keine gesehen.

Dieses Jahr steht neben den Feiern zum Unabhängigkeitstag allerdings noch weitere Feiern im Mittelpunkt: Das Gedenken an den „40. Jahrestag der Umsetzung des Testaments von Ho Chi Minh“. Das bedarf allerdings einer Erklärung. Eigentlich sogar gleich mehrerer: Erstens, Staatsgründer Ho Chi Minh war vor exakt 40 Jahren am Nationalfeiertag verstorben. Manche vermuten dahinter eine Fälschung des Todesdatums, nach allem was ich weiß ist es jedoch wirklich nur ein kurioser Zufall der Geschichte. Es heißt sogar, dass die Partei den Tod ursprünglich einen Tag lang geheim halten wollte, um zu verhindern, dass zwei solch gegensätzlichen Ereignisse aufeinander fallen.

Zweitens: Ho Chi Minhs Tod wird hierzulande nicht direkt gedacht. Er wird noch nicht einmal direkt ausgesprochen. Selbst in vietnamesischen Nachrichten werden dazu Termini verwendet, die in etwa die euphemistische Beschreibung von „sein Herz hörte auf zu schlagen“ oder „von uns gegangen“ oder ähnliches haben. Wobei letzteres nicht wörtlich zu nehmen wäre, denn gegangen ist er ja nach hiesiger Auffassung gerade nicht, sondern er begleitet Vietnam weiterhin. Deswegen ist der Begriff „Präsident“ auch für Ho Chi Minh reserviert, während seine Nachfolger sichmit dem Begriff „Staatspräsident“ begnügen müssen. Im Gegensatz zu Nordkorea war man aber weise genug, Ho Chi Minh nicht tatsächlich als Staatsoberhaupt zu definieren. Nordkoreas Staatsoberhaupt ist ja de jure noch immer der 1994 verstorbene Kim Il Sung.

Gedacht wird Ho aber natürlich sehr wohl, aber indirekt – über den Umweg des Testaments.

Ho hatte sein Testament bereits vier Jahre vor seinem Tod vorbereitet und mehrere Male umgeschrieben. Es enthält eine ganze Reihe von Ratschlägen an die Nachkommen. Einige davon schienen den Nachkommen offenbar so brisant, dass sie erst später veröffentlicht wurden. Das bekannteste davon ist die Tatsache, dass Ho nicht in einem Mausoleum bestattet werden wollte. Ein Wunsch, dem sich die nachfolgende Partei-Generation offenkundig widersetzte.

Weitere wichtige Themen, die Ho in seinem Testament anschnitt war die Forderung nach einem besseren Lebensstandard, nach der Gleichberechtigung für Frauen und die Mahnung an die Parteigenossen, moralischen und ethischen Standards zu genügen sowie die Forderung nach einem demokratischeren Auftreten der Partei. Letzteres klingt jetzt ein wenig spektakulärer, als es wohl gemeint war. Gemeint war es nämlich im Sinne der sozialistischen Grundidee. An der wollte Ho nicht rütteln, für die hatte er schließlich die letzten Jahrzehnte gekämpft. Wie in seinem ganzen Leben zogen sich auch im Testament die Themen „Nationalismus“ und „Sozialismus“ wie ein roter Faden hindurch, ohne dass man sagen könnte, welches der beiden nun stärker gewichtet wurde.

All das wurde in den vergangenen Tagen in endlosen Reden immer wieder und wieder beschworen. Der Tenor ist dabei in etwa folgender: Ho Chi Minh war ein weiser Mann, der Vietnam Worte von zeitloser Gültigkeit geschenkt hat. Dass die Forderung nach Moral, Volksnähe und Ethik von der Partei mantraartig wiederholt wird, hat den Charakter von: Schaut her! Wir tun was! Wir werden von Tag zu Tag besser! Mich erinnert es ein klein wenig, man verzeihe mir den Vergleich, an die ebenso mantraartigen Forderungen von Sportfunktionären und Sportlern an einen dopingfreien Sport. Einige meinen es sicherlich ernst, und andere sind vermutlich einfach dankbar, dass sie ihr nicht ganz so koscheres Verhalten hinter schönen Worten verstecken können.

Wie auch immer: Hos Testament wurde spätestens seit der Reform-Ära Ende der 80er als geradezu prophetischer Text umgedeutet: Ho habe darin vorausgesehen, wie wichtig die Wirtschaftsreformen für Vietnam sind.

Diese hellseherische Gabe ist mir Anfang der Woche gleich nochmal begegnet. Eine Schülerin erzählte über ihre Geschichtsstunde zur Unabhängigkeitserklärung. Wie bereits erwähnt zitierte Ho Chi Minh darin die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Der Lehrer erklärte der Schülerin nun, dies zeige, wie weitsichtig Ho gewesen sei: Er habe bereits 1945 vorausgesehen, dass die USA der kommende Feind sein würde, und habe bereits an dieser Stelle mahnende Worte an die USA geschickt, ihre eigenen Ideale zu überprüfen.

Ich will mich nicht mit vietnamesischen Geschichtslehrern anlegen, und weiß auch nicht, ob dieser Mann eine Einzelmeinung vertritt, oder ob das Konsens ist, aber nach allen historischen Fakten ist es, gelinde gesagt, unwahrscheinlich. 1945 kam Ho Chi Minh gerade aus einem Krieg gegen die Japaner, bei dem er zur Zufriedenheit beider Seiten eng mit den USA zusammengearbeitet hatte. US-Vertreter waren in Hanoi, und Ho erhoffte sich von ihnen Hilfe im diplomatischen Ringen mit den Franzosen um den künftigen Status von Vietnam. Das Verhältnis zwischen den USA und Vietnam war zu diesem Zeitpunkt fast ungetrübt. Gelegentliches Misstrauen im US-Außenministerium über den „sowjetischen Hintergrund“ von Ho Chi Minh wurde von den US-Vetretern vor Ort zerstreut mit den Worten, dass man Ho als sehr pragmatischen und weltoffenen Mann kennen gelernt habe.

Der Politikwechsel im US-Außenministerium ereignete sich erst einige Jahre später. Er lautete kurz gefasst: Fordern wir von England und Frankreich weiter Menschenrechte und Freiheit für Kolonialvölker ein, oder brauchen wir die beiden Länder nicht doch im Kampf gegen den Sowjet-Imperialismus? Die Antwort fiel dann wenig überraschend aus, und der Rest ist Geschichte.

Ich traue Ho Chi Minh einiges an Weitsicht zu, aber diese Entwicklung bereits 1945 vorauszusehen, wäre eigentlich weniger weise Hellseherei gewesen, als vielmehr Paranoia.

Eine letzte Erklärung bin ich noch schuldig: Warum wird der Jahrestag der „Umsetzung“ des Testaments gefeiert? Realistischerweise kann ein Testament nicht sofort am Tag der Veröffentlichung umgesetzt werden. Das ist aber hier wie mit der Revolution: Die Revolution geht auch seit 1945 jeden Tag weiter. Jeden Tag ist Revolution. Und jeden Tag ist Umsetzung. Und da es ja ein zeitloses Dokument ist, vermutlich bis in alle Ewigkeit.

2 Responses to Feiertag, Tod und Hellseherei

  1. GF says:

    Im Spiegel Online ist auch ein langer Artikel über Ho Chi Minh von Michael Sontheimer.

  2. thành says:

    Ich bin gebürtiger Vietnamese, bin einem österreichischem Akzent… klingt seltsam, ich weiß… . Es ist ja so, wenn man an deutschsprachige Vietnamesen denkt, denkt man, dass sie automatisch aus Deutschland kommen. So viel dazu. Zu Ihrer oder deiner, weiß jetzt nicht ob ich duzen oder siezen soll, Aussage, dass Sie oder du noch nie eine vietnamesische Militärparade gesehen haben, habe ich da ein paar Links…

    http://www.youtube.com/watch?v=oXPJLFwjY7U ist aber eine Parade am 2.9.2005

    oder auch dieser Link hier auf vnexpress.net
    http://vnexpress.net/GL/Xa-hoi/2010/09/3BA207F2/ (Vorbereitung auf die nächste große Parade zum 1000jährigen Jubiläum Hanois am 10.10.2010).

    Also wie gesagt, die nächste große Militärparade findet am 10.10.2010 am Ba ?ình Platz (Qu?ng tr??ng Ba ?ình) also vorm H? Chí Minh Mausoleum, aber als jemand der im Stadtkern lebt, sollte schon aufgefallen sein, wie ausgeschmückt die Stadt zum anstehenden Jubiliäum ist.

    Zu Ihrer Website, gut gemacht und schön offen erzählt…

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