Hartnäckige Traditionen

Als die Kommunistische Partei 1945, beziehungsweise eigentlich erst so richtig 1954 die Macht in Vietnam übernahm, war einer ihrer wichtigsten Programmpunkte die Beseitigung von Aberglauben und alten Riten. Dabei wurde besonders gerne Lenin zitiert: „Alte Bräuche sind jene Dinge, vor denen man am meisten Angst haben sollte.“

Das entbehrte in Vietnam Mitte des 20. Jahrhunderts auch nicht ganz der Logik, denn aus der Sicht der neuen Machthaber war schließlich die alte Gesellschaft Schuld an der Misere des Landes.

(Kurzer Exkurs: Ich benutze an dieser Stelle ungern den Begriff „Feudalgesellschaft“, weil der Begriff feudal exakt zu jener Zeit mit einer negativen Konnotation in Vietnam eingeführt wurde, um alles alte als „rückständig“ zu beschreiben. Das hat sich bis heute gehalten, und in Vietnam benutzt man den Begriff feudal noch immer in diesem Kontext, außerdem beschreibt man damit pauschal mehr als 1000 Jahre Geschichte. Tatsächlich existierte in Vietnam allerdings niemals eine Feudalgesellschaft nach europäischer Definition. Es fehlte vor allem an den unabhängigen Fürsten, die tatsächlich unabhängig über ihre Besitztümer hätten regieren können. Die vietnamesischen Könige konnten sich fast durchgehend auf ihren Beamtenapparat („Mandarine“) stützen. Einzige nennenswerte Ausnahme wäre möglicherweise die Zeit der streitenden Nord-Süd-Dynastien im 16. und 17. Jahrhundert. Ironischerweise kommen wir der Feudalgesellschaft vermutlich sogar am nächsten in der Zeit der chinesischen Herrschaft über Vietnam, also von 100 v.Chr. bis 900 n.Chr. Zeitweise herrschten hier die chinesischen Statthalter oder die vietnamesischen Fürsten in einem Modell, das den späteren Europäern recht nahe kommt. Diese Zeit ist aber wiederum meistens nicht gemeint, wenn in Vietnam der Begriff feudal auftaucht. Exkurs Ende.)

Die alte Moral habe vor allem dazu gedient, dem alten Regime Macht und Einfluss zu erhalten, konstatierte Ho Chi Minh. Der Aberglaube sei ein Mittel gewesen, um die Menschen dumm zu halten, damit man sie leichter regieren konnte. Konsequenterweise mussten die alten Moralvorstellungen über Bord geworfen werden, um Vietnam in die Zukunft zu führen.

Die Sozialisten setzten also folglich an die Stelle von alten Hierarchien ihre neue Idee von der Gleichheit der Gesellschaft. Das betraf zahlreiche Themen des Alltags, von der Heirat bis zur Trauerfeier. Überall sollten Gebräuche, in denen eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau oder Arm und Reich ausgedrückt wurde, abgeschafft werden. Nicht mehr Familie und private oder dörfliche Hierarchien sollten der Fixpunkt des eigenen Lebens werden, sondern die Arbeit für „Gemeinwohl“ und „Gesellschaft“. An die Stelle von Aberglauben und Riten sollte die Wissenschaft treten, und der Fortschritt.

Vor allem in den 50er und 60er Jahren begannen deswegen weitreichende Kampagnen, deren Ziel es teilweise war, alte Gebräuche und Moralvorstellungen komplett umzukrempeln. Beispielsweise war geplant, alles was mit der „Geisterwelt“ zu tun hatte, aus den Köpfen zu bekommen. Also sowohl die Sitte der Horoskope, als auch die Idee, dass nach dem Tod die Seele des Verstorbenen noch irgend einen Einfluss auf die Familie hat. Wer sich heute in Vietnam umschaut wird schnell feststellen, dass zumindest dieses Ziel eindeutig gescheitert ist. Die Aufgabe, jahrhundertealte oder gar jahrtausendalte Traditionen abzuschaffen, war offenbar doch zu groß.

In einigen Bereichen waren die Kampagnen jedoch erfolgreich. Beerdigungen und Hochzeiten laufen heute teilweise noch so ab, wie sie auch in vorrevolutionärer Zeit begangen wurden (inklusive einiger Bräuche, die eigentlich abgeschafft werden sollten), einige Teilbereiche sind jedoch nachhaltig verändert worden oder in Vergessenheit geraten. Man könnte jetzt darüber diskutieren, ob einige dieser Riten auch ohne die sozialistischen Kampagnen der Moderne zum Opfer gefallen wären, so wie auch in Europa vieles an Gebräuchen sich im modernen Leben immer weiter abschwächt. Da wir keine Parallel-Welt zum Vergleich haben, wäre eine solche Diskussion aber vermutlich fruchtlos.

Ein paar Beispiele für veränderte oder nicht veränderte Traditionen hoffentlich demnächst hier an dieser Stelle. Für alle Ungeduldigen gibt es hier eine Studie von Shaun Kingsley Malarney von 2002, der in zwei nordvietnamesischen Dörfern Fallstudien zu dem Thema betrieben hat.

One Response to Hartnäckige Traditionen

  1. Benem says:

    Das der Geisterglaube als Teil der Unterdrueckung der „geistigen Freiheit“ benutzt wird, hoere ich oft von Deutschen in Thailand. Ich kann mir die Zusammenhaenge nicht ganz erklaeren, koennte aber tatsaechlich viele Beispiele aus Internetforen anfuehren.

    Thailand ist ja als eines der wenigen Laender in der Region nicht durch politische Umstuerze gezeichnet (Ahem…) und man kann hier schon sehen, wie sich die Reiligion frei entfaltet hat. Natuerlich gibt es mehr indische als chinesische Einfluesse, anonsten ist aber auch hier der Geisterglaube wichtiges Thema beim Bau neuer Gebaeude, bei Baustellen, Laeden, Plaetzen und einfach ueberall und hat eigentlich keinen schlechten, eher einen ekszentrisch-sympathischen Einfluss, jedenfalls so wie ich das bisher sehen konnte.

    Ben

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