Korruption und Geldgeschenke

Korruption ist ein Problem in Vietnam. Sie ist vor allem ein Problem als sogenannte Alltagskorruption, als ständiger Begleiter für alle möglichen banalen Geschäfte. Der Arzt im Krankenhaus reagiert mitunter schneller, wenn er ein paar Scheine zugesteckt bekommt. Der Behörden-Mitarbeiter, der einen Stempel erteilen soll, sowieso. Und auch beim Hausverwalter oder beim Polizisten darf man darauf hoffen, dass ein wenig Geld schneller zum Ziel führt.

Das gefährlichste an der Korruption ist möglicherweise die gelassene Normalität, mit der sie vonstatten geht. Manche Vietnamesen verbinden mit dem Begriff nämlich gar nicht das, was da im alltäglichen Leben passiert, sondern eher irgendwelche aufsehenerregenden, großen Fälle. Das Verteilen von Geldscheinen an Ärzte, Verwalter und Geschäftspartner wird teilweise eher abgetan mit „Gehört halt dazu…“ oder „… die verdienen halt wenig.“

Was teilweise noch nicht einmal von der Hand zu weisen ist. Viele Staatsangestellte verdienen tatsächlich im Vergleich verdammt wenig. Trotzdem reißen sich junge Berufsanfänger um bestimmte, mies bezahlte Stellen, weil sie wissen: Da kann man kräftig noch nebenher mitkassieren. Das Trinkgeld ist sozusagen, wie in Deutschland bei manch hart kalkulierenden Gaststättenbesitzern, gleich mit eingepreist.

Und hier wird es etwas knifflig. Denn die Grenze zwischen freundlichen Geldgeschenken und gesellschaftszerfressender, krimineller Handlung ist bei genauerem Hinsehen gar nicht so einfach. In Vietnam sind Geldgeschenke nämlich weitaus üblicher, als in Deutschland.

Wer in Deutschland zum Geburtstag Geld schenkt, bei dem handelt es sich entweder um Großeltern („Hach, ich weiß doch nicht, was sich die Jugend heutzutage wünscht!“), oder um Leute, die unter dem Verdacht stehen, besonders einfallslos zu sein. Hochzeitspaare müssen auf Einladungen ausdrücklich vermerken, dass sie sich sehr über Geld freuen würden und am besten auch einen Grund angeben („… für unsere Flitterwochen“ oder „… für das neue Haus.“), andernfalls versuchen die Gäste möglichst kreative Sachgeschenke aus dem Ärmel zu schütteln und das junge Paar steht anschließend mit vier Pürrier-Stäben und dreiundzwanzig Tischdecken da.

In Vietnam ist das alles nicht der Fall.

Hier gilt: Nur Bares ist Wahres. Zu Hochzeiten gehört der Briefumschlag mit dem Geld zum guten Ton, und zum Neuen Jahr ist es üblich, dass sich sämtliche Mitarbeiter, Chefs, Freunde und Familienmitglieder gegenseitig kleine, rote Briefe mit Geld zustecken. „Glücksgeld“ heißt das dann, und der Name soll bereits ausdrücken: Es geht gar nicht um das Geld, es geht um das Symbol. Geld verschenken bringt Glück. (Der Chef sollte aber trotzdem mehr Geld in seinen Umschlag tun, als der Angestellte.)

Aus genau demselben Grund musste ich in den vergangenen Wochen auch haufenweise Vietnamesen davon abhalten, Geldscheine ins Babybett zu stecken. (Geldscheine zählen dank ihres fleißigen Von-Hand-zu-Hand-Wechselns ja nun mal leider mit zu den größten Bazillenschleudern, die man so mit sich herumträgt).

Und da sind wir schon mitten im Problem: Der Geldschein, der auf einer Presse-Konferenz den Journalisten in einem roten Glücksgeldumschlag überreicht wird – ist das jetzt einfach eine freundliche Geste oder schon Korruption? (Und sind dann diverse Sachgeschenke an deutsche Journalisten auch Korruption?) Ist die Verteilung von „Glücksgeld“ nur ein Alibi, oder ist sie einfach ein Ausdruck für eine Tradition, auf die Westler sofort wieder überempfindlich reagieren, weil sie sie nicht verstehen?

Die Antwort muss wohl unbefriedigenerweise lauten: Beides. (Und: Fünfhunderttausend Dong ins Phrasenschwein.)

Natürlich lässt sich Korruption halbwegs genau definieren, sie fängt da an, wo Geld absichtlich verteilt wird in der Hoffnung auf einen Vorteil. Das ist und bleibt, ich habe es oben geschrieben, gesellschaftszerfressend, und sollte zu Recht bekämpft werden. Wer in einer Gesellschaft solche Wucherungen bekämpfen möchte, sollte aber zumindest eine Tradition wie das Glücksgeld nicht völlig ignorieren.

Sie erklärt zumindest, warum es möglicherweise ein sehr, sehr weiter Weg sein wird, um kleine Geldgefälligkeiten im Alltag auszurotten.

One Response to Korruption und Geldgeschenke

  1. yeuem says:

    Jaja, die Geldgeschenke, das ist Tradition und kann man nicht ausrotten

    Interessant wären aber für die Leser genaue Beträge in Dong
    also was ist in welcher Situation angemessen
    und was überzogen

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