Geld und Service

Ich hatte am Donnerstag gleich drei Mal mit Motorradwerkstätten zu tun.

Die Sache am Morgen war eine Routineangelegenheit. Meine Reifen hatten wenig Luft. Genau um die Ecke meiner Wohnung ist eine kleine Werkstatt. Man kann auf dem Weg ins Büro kurz stoppen, und sich die Reifen aufpumpen lassen. Ich gab dem Mitarbeiter einen 10.000-Dong-Schein, er gab mir 5000 Dong zurück.

Ich frage in solche Situationen oft, ob ich nicht einfach den Rest als Trinkgeld geben soll. Wir reden hier vom Unterschied zwischen 25 Cent und 50 Cent. Also nicht der Rede wert. Ich könnte es mir „leisten“. Es ist auch nicht so, dass ich nie Trinkgeld gebe. Im Gegenteil. Wenn Boten etwas zur Haustür bringen, runde ich gerne auf. Beim Taxifahren gelegentlich. Und so weiter. Das übliche. Nun ist der Service mit dem Luft aufpumpen kein besonderes Ding: Kostet die Mitarbeiter etwa eine halbe Minute. Schlauch anschließen, Maschine anwerfen, ratter, ratter. Nächster Schlauch. Fertig.

Es ist ein Mix aus unterschiedlichen Kleinigkeiten, der mich zögern lässt, mehr zu zahlen. Die Werkstatt verdient, über den Tag gesehen, mit dem Service sicherlich gut. Wenn nicht, können sie gerne ihren Preis hochsetzen. Bei kleinen Preisen wäre es albern, sagen wir, 7000 Dong zu geben. Umgekehrt ist die nächstlogische Einheit halt gleich mal das Doppelte. Außerdem ist das Gefühl sehr angenehm, einfach mal den normalen Preis zu zahlen. Das ist als Ausländer nicht selbstverständlich, erst recht nicht in der fluiden Preisverhandlungskultur der Vietnamesen. Um genau zu sein habe ich, glaube ich, schon immer 5000 Dong gezahlt, auch als vor 5-6 Jahren die Preise eher bei 1000-2000 Dong für den Service lagen. Kann sogar sein, dass sie das an bestimmten Orten noch immer tun, nur, seien wir ehrlich, darauf zu schielen wäre Pfennigfuchserei. Schließlich: Die kleine Werkstatt profitiert von mir als Stammkunde. Ich gehe da auch hin, wenn mein Anlasser ausgetauscht werden muss oder mein Schlauch. Möglicherweise schlagen sie da auch gelegentlich einen Ausländerbonus drauf, das stört mich nicht. Er ist in jedem Fall nicht unverschämt. Und letztlich empfinde ich es als Gratwanderung ständig mehr zu bezahlen, nur „weil man es sich leisten kann“. Es gibt Vietnamesen, die argumentieren, dass das die Preise kaputt mache. Es schwebt auch das Risiko darüber, dass irgendwann der Begünstigte selbst enttäuscht ist, wenn es „nur“ das normale Geld gibt. Ein bisschen so wie in Deutschland, wo Trinkgeld mittlerweile fast moralische Pflicht geworden ist, egal wie schlecht der Service war.

Verrückt, wie viele Gedanken man sich wegen 25 Cent machen kann? Hab ich mir auch gedacht, an dem Morgen.

Als ich am späten Nachmittag aus dem Büro komme, ist der Vorderreifen platt. Verrückter Zufall, oder? Also geht die Suche los nach einer Werkstatt oder einem Mann an der Straße, der Reifen aufpumpen oder flicken kann. Tatsächlich ist der nächste Ein-Mann-Betrieb gleich am Ende der Straße. Die Frau von der Suppenküche nebendran ruft mir zu, ich solle kurz warten. Der Reparateur komme gleich.

Ich habe mir inzwischen den Reifen angesehen. Der äußere Reifen selbst hat einen dicken Riss. Das sieht überhaupt nicht gut aus. Sagt mir auch sofort der Mann, der erklärt, man müsse da alles austauschen: Schlauch, Reifen. Er rechnet kurz. 400.000 Dong. 15 Euro.

Das erscheint mir sehr teuer. Mein Büro ist in der Innenstadt, in einem Hochhaus voller internationaler Firmen. Ich würde lieber in meine Stamm-Werkstatt gehen, und die Sachen dort austauschen lassen. Fünf bis zehn Motorrad-Minuten entfernt. Ganz davon abgesehen: Ich habe aktuell so viel Geld ohnehin nicht im Portemonnaie. Ich könnte mir die 400.000 Dong gar nicht leisten. „Können wir bitte nur den Schlauch flicken? Es muss nur bis nach Hause halten“, sage ich.

„Da ist alles kaputt! Das muss man austauschen!“, insistiert der Mann.
„Ich hab aber nicht genug Geld.“

Der Mann scheint sauer. Warum ist mir nicht ganz klar. Vielleicht, weil er gehofft hat, hier sei gerade sein Tagesgeschäft erschienen. Er zwängt Reifen und Schlauch wieder in die Felge, sehr hastig und sehr schlampig, und tritt dann einen Schritt zurück: „Da“, sagt er.

„Den Schlauch flicken oder austauschen geht nicht?“, frage ich.
„Nein.“

Ich schiebe.

Zehn Motorradminuten nach Hause entsprechen etwa 30 Minuten Fußweg. Allerdings nicht, wenn man dabei einen schweren Roller schieben muss. Dass dabei Temperaturen von 35 Grad herrschen macht die Sache auch nicht gerade leichter. Ich könnte den Roller auch am Büro lassen, aber dann bin ich immer noch nicht schlauer. Immerhin befindet sich an meinem Haus eine vertrauenswürdige Werkstatt. Da muss der Roller hin. Irgendwie. Notfalls eben zu Fuß.

Nach ein paar hundert Metern erscheint mir die Idee nicht mehr so gut, wie am Anfang. Hilfsbereite Menschen am Straßenrand weisen mir zum dritten Mal den Weg zum nächsten Reifenflicker. Die ersten zwei habe ich abgelehnt. Nicht nochmal so eine lästige Episode. Beim dritten nehme ich an. Man kann es ja versuchen…

Der Reparateur ist kein Mann an einer Straßenecke, sondern ein alter Mann vor seinem eigenen Haus. Drinnen sitzt seine Frau vor dem Fernseher und kommt heraus. Beide sind schmal gebaut, mit Lachfalten im Gesicht. Sie kommunizieren mit mir mit Lauten und Gesten. Das passiert häufiger mal, weil manche Vietnamesen davon ausgehen, dass der Ausländer, der gerade Vietnamesisch gesprochen hat, trotzdem kein Vietnamesisch versteht. Nach einiger Zeit aber habe ich den Eindruck: Die beiden sind möglicherweise tatsächlich stumm. Ihre beschreibenden Gesten sind sehr akkurat. Ihre Laute klingen nicht nach Vietnamesisch.

Der Mann löst den Reifen, den Schlauch, und sieht ebenfalls schnell den Riss. Er deutet auf den kaputten Reifen, sein Gesichtsausdruck wird betrübt. Reibt seine Finger aneinander: „Teuer“. Dann bewegt er seine Hand über den Schlauch. „Flicken?“, interpretiere ich das.

Ich nicke.

Er macht sich an die Arbeit. Ich habe in den vergangenen Jahren so einigen Mechanikern beim Flicken zugesehen, und ich glaube, noch nie war jemand so akkurat und sorgfältig. Der Schlauch wird abgedichtet, geputzt, anschließend sucht er noch nach weiteren Löchern. Zwischen Schlauch und Reifen legt er ein zusätzliches Stück Gummi, das den Schlauch schützen soll. „Langsam fahren“, sagen seine Gesten warnend, „der Reifen ist kaputt und uneben. Sonst fällst du böse hin.“ Es ist erstaunlich, wie viel Worte man in Gesten und Geräusche legen kann.

Im Inneren des kleinen schmalen Hauses läuft ein Fernseher, davor schläft ein Hund. Die Frau sitzt mittlerweile neben mir auf der Steintreppe, für wartende Kunden gibt es sogar eine kleine Holzbank. Sie reicht ihrem Mann wortlos jedes Werkzeug, bevor er es braucht. Beide scheinen eingespielt. Mein Hemd ist nass von der feuchtschwülheißen Luft und dem kurzen Schiebe-Spaziergang, aber in diesem Moment fühlt sich alles sehr beruhigend und sehr kühl an.

Die Frau nimmt ein Stück Kreide und kritzelt den Preis für die Reparatur auf den Boden. Einen sehr günstigen Preis. Ich reiche dem Mann mit beiden Händen einen großen Schein, der das Mehrfache wert ist, und sage ihm, dass er ein sehr, sehr guter Reparateur und ein sehr aufrichtiger Mensch ist. Vielleicht bin ich in dem Moment etwas sentimental, aber daran ist dann vor allem der Idiot von vorhin schuld.

Trotzdem: Ich war selten so froh, so viel Trinkgeld geben zu dürfen. Und ich habe auch keine Sekunde das Gefühl, dass dieser Mann beim nächsten Mal abermals so viel erwarten würde oder beim nächsten ausländischen Kunden mal so eben draufschlägt.

Denn eines ist in diesem Moment ebenfalls für mich klar: Wenn ich künftig Probleme habe, die nicht in einer echten Werkstatt mit Ersatzteilen gelöst werden müssen, werde ich hierhin fahren.

Und zwar sehr, sehr gerne.

(PS: Meine kleine Werkstatt hat Reifen und Schlauch für 200.000 Dong ausgetauscht. Wobei mich das Verhalten des Straßenreparateurs mehr geärgert hat, als der Preis.)

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