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Schulalltag

Die Schulklasse aus Haiphong, die der Ethnologe Paul Horton in seiner Doktorarbeit über Mobbing beschreibt, könnte man „normal“ nenne, wobei das Adjektiv ein wenig problematisch ist in einem Land wie Vietnam. Was genau ist hier die typische Schulklasse? Vermutlich eine Klasse auf dem Land. Das ist Haiphong nun nicht, es ist im Gegenteil eine der größten industriell geprägten Städte Vietnams. Andererseits ist es auch keine Stadt wie Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt, die allein durch ihre Größe und ihren Status Sonderstellung haben. Einigen wir uns auf eine „durchschnittliche Großstadt“.

Die Klasse ist insofern nicht durchschnittlich, weil der Wissenschaftler, vermutlich auch aus Prestigegründen für die Schule, in eine Art Eliteklasse mit besonders guten Schülern geschickt wurde. Offenbar war es den Schulverantwortlichen schwer zu vermitteln, dass es für wissenschaftliche Forschung nicht notwendig ist, unbedingt mit den „besten Schülern“ zu arbeiten.

Gerade deswegen aber finde ich einige seiner Beobachtungen sehr auffällig. Horton beschreibt unter anderem, dass die Jungen gezwungen wurden, sich regelmäßig die Haare zu schneiden. Er beobachtete mindestens zwei Mal Fälle, in denen Jungs mit angeblich zu langen Haaren die Haare vom Schulpersonal abgeschnitten wurden. Im Gegenzug galt es als sittsam für die Mädchen, lange Haare zu tragen. (Wir lernen: Wer anfangen möchte, an der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Vietnam zu arbeiten, sollte offenbar in der Schule anfangen).

An der Schule in Haiphong gab es so viele Schüler, dass der Unterricht im Schichtbetrieb abgehalten wurde. Die Schüler der Stufen acht und neun hatten von 7 Uhr morgens bis 11.15 Unterricht, und die Schüler der Stufen sechs und sieben hatten nachmittags Unterricht. Beide jeweils sechs Tage die Woche, also inklusive Samstag.

Horton beschreibt den Unterrichtsstil als Frontalunterricht. Der Leher spricht, und die Schüler sitzen so lange still da, bis er einem Schüler konkret eine Frage stellt. Viele Lehrer seien nach der Methode verfahren, bei einer falschen Antwort einen anderen Schüler zu fragen, bis die richtige Antwort gegeben worden sei. Dabei hätten die Schüler bei einer falsch gegebenen Antwort so lange stehen müssen, bis sie im späteren Verlauf des Unterrichts eine richtige Antwort geben konnten.

Die Klassenräume seien schlecht isoliert gewesen, beziehungsweise habe der Unterricht wegen des Klimas oft bei offenem Fenster stattgefunden. Dadurch habe es eine erhebliche Geräuschkulisse durch Verkehr, durch andere Schulklassen oder sonstigen Lärm gegeben. Nicht immer sei es nicht möglich gewesen, die Antwort eines Schulkameraden im anderen Teil des Klassenraums zu verstehen.

Die Sitzordnung wurde in den Klassen in Haiphong ausschließlich durch die Lehrer geregelt, die allein entschieden, wer wo zu sitzen hatte. Dabei folgten alle Lehrer, die Horton befragte, einer Methode, nach der sie „gute“ mit „schlechten“ Schülern zusammen setzten, damit die guten den schlechteren „helfen“ konnten. Das führte fast ausschließlich zu gemischt-geschlechtlichen Tischen, weil die Mädchen von den Lehrern generell als folgsam, fügsam und aufmerksam, die Jungs hingegen als lernfaul und resistent angesehen wurden. Zwei Jungen nebeneinander zu setzen führe automatisch zu Unruhe und Chaos, erklärten einige Lehrer, wobei diese Lesart von den Schülern bekräftigt wurde. Ich habe mich mittlerweile ein wenig umgehört, und zumindest diesen Teil bekräftigen gleich mehrere Vietnamesen aus ihrer eigenen Schulzeit. „Ich musste immer neben irgendwelchen schrecklichen Jungs sitzen“, erzählte eine.

Fehlverhalten von Schülern wurde sofort bestraft, die Bestrafungen reichten vom Verdonnern zum Tafelsäubern über das Verweisen aus dem Klassenraum oder einem Eintrag in das Klassenbuch oder auch dem (siehe oben) erzwungenen Stehen. Außerdem gab es an der Schule einen Geldstrafenkatalog (!). „Während des Unterrichts aufstehen“ wurde mit 2000 Dong (etwa 10 Cent) Strafe belegt, während „Tanzen im Klassenzimmer“ 50.0000 Dong (etwa zwei Euro) Strafe nach sich zog.

Horton beschreibt, dass einige der Bestraften sich diese Summen gar nicht leisten konnten. Es kam auch zu körperlichen Strafen, unter anderem wurden die Schüler mit Büchern auf den Kopf geschlagen oder am Ohr gezogen. Der Ethnologe erfuhr außerdem in seinen Gesprächen, dass die Lehrer während seiner Anwesenheit weniger streng mit den Schülern seien, weil sie fürchten, dass er ihr Verhalten an höhere Stellen weitermeldet. (Das Bildungsgesetz von 2005 verbietet zwar nicht explizit die Prügelstrafe, aber es stellt klar, dass es Lehrern verboten ist, die Ehre und Würde ihrer Schüler zu missachten, oder sie körperlich zu missbrauchen.“) Gleichzeitig hätten andere Lehrer sehr offen über körperliche Strafen gesprochen, und bekräftigt, dies sei eine in der Gesellschaft allgemein akzeptierte Form der Bestrafung für Kinder. Horton beobachtete allerdings Schläge ausschließlich gegenüber Jungen.

Im späteren Verlauf der Arbeit beschreibt er einen eher schmächtigen Jungen, der gleich von mehreren Mitschülern schikaniert wurde, auch und besonders von seiner Sitznachbarin (die, natürlich, wir haben es gelernt, weiblich war). Sobald es zwischen ihr und ihm zu Gerangel kam, weil sie ihm vor das Schienbein trat oder ähnliches wurde jedes Mal von der Lehrerin der Junge abgemahnt.

Denn Mädchen sind ja viel zu brav für sowas. Also muss der Junge Schuld sein.

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